Dezember 2004 > weniger arbeiten > Buchtipps
 
Rosengift und erste Hilfe - Buchtipps zu Weihnachten und überhaupt
Von Claudia Mair
 
Schon rückt Weihnachten wieder in bedrohliche Nähe und viele haben die Geschenke schon besorgt. Herzlichen Glückwunsch. Für all diejenigen, in deren Schränken sich noch keine Weihnachtsgeschenke türmen, trotz all der Geschenkideen, mit denen uns der Handel zur Zeit beglückt, für all diejenigen heißt es allmählich mal aus den Puschen kommen. Wir wollen uns doch der alljährlichen Konsumhysterie nicht etwa entziehen und Weihnachten ohne Geschenke feiern - welch trübe Aussicht! Deshalb hier zwei Buchtipps zu Weihnachten, oder eben zu Silvester oder wie wär's zum Frühlingsanfang, sie passen auch ins Osternest - und überhaupt passen sie ganz famos ins Bücherregal. Außerdem sind die beiden Bücher nicht zu dick, damit also handlich und besitzen beide sogar ein Lesebändchen!

Weitere Gemeinsamkeiten der beiden Bücher, die ich hier vorstellen will, sind die Beziehungsunfähigkeit ihrer ProtagonistInnen und die Tatsache, dass die Autorinnen beide bereits Preise erhalten haben. Mariana Leky erhielt den niedersächsischen Literaturförderpreis und das Stipendium des Landes Bayern für ihren Erzählband "Liebesperlen". Mirjam Pressler ist vor allem auch bekannt als Kinder- und Jugendbuchautorin und erhielt dieses Jahr den Deutschen Bücherpreis für Ihr Lebenswerk als Autorin und Übersetzerin. Die Art der Preise deutet bereits auf den Altersunterschied der Autorinnen hin, der sich im Alter ihrer Protagonistinnen spiegelt.

Da ist zum einen die Heldin von Mirjam Presslers Roman "Rosengift", Elisabeth, die unter dem Namen Lisa Bratt Krimis schreibt, eine Frau in den Wechseljahren, die ein erfolgreiches aber ziemlich zurückgezogenes Leben führt. Dass sie lieber für sich bleibt hängt mit ihrer Vergangenheit zusammen, insbesondere mit ihrer problematischen Kindheit. Als sie eines Nachts eine junge Frau von der Straße aufliest und sie bei sich wohnen lässt, hat sie zunächst durchaus Bedenken, denn Annabella bringt ihr wohlgeordnetes Leben durcheinander. Doch obwohl sie nicht gerne Fremde in ihr Leben lässt, ist sie nicht in der Lage, ihr die Tür zu weisen, denn Annabella ist nicht nur in dem Alter, in dem ihr abgetriebenes Kind nun wäre, Annabella ist ganz offensichtlich auch die Tochter einer Alkoholikerin und erinnert Elisabeth damit an ihre eigene Kindheit.

Annabella scheint schließlich eher die Befürchtungen denn die Hoffnungen ihrer Gastgeberin zu erfüllen und wird von dieser zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Das spiegelt si ch auch in dem Roman, an dem Elisabeth schreibt und der ebenfalls den Titel "Rosengift" trägt. Plötzlich verlagert sich das Interesse Elisabeths von der Rosenzüchterin, die sie ursprünglich als Mörderin angelegt hat, hin zu deren Tochter, die immer größere Ähnlichkeiten mit Annabella aufweist. Aber ist am Ende wirklich die Tochter, respektive Annabella, die Böse? Wer ist hier schuld und woran?

Der ganze Roman ist angelegt als ein Brief, in dem Elisabeth einem anderen im wahrsten Sinne des Wortes die Schuld zuschreibt. Leider ist der Roman für einen Brief gerade im Mittelteil an manchen Stellen etwas zu langatmig. Man hätte hier und da mit Gewinn den Roman ein wenig stutzen können. Nichtsdestotrotz ist das Buch lesenswert, denn der Roman im Roman ist ein interessantes Konstrukt, das zusammen mit der gelungenen Darstellung seelischer Befindlichkeiten und Verhaltensweisen dem Erzählten Reiz verleiht. Schreibtheoretische Anmerkungen vermengen sich mit psychologischen Berichten vom Kriegsschauplatz menschlicher Beziehungen zwischen Jung und Alt, Mann und Frau. Da muss dann manchmal eben auch jemand dran glauben ...

Mariana Lekys Roman "Erste Hilfe" ist dagegen eine leichenfreie Zone und im Vergleich zur psychologischen Vollwertkost Presslers eher eine schmackhafte, leichter verdauliche Speise. Die Ich-Erzählerin und ihr Freund Sylvester dürften ungefähr Mitte zwanzig sein. Sie leben zusammen in einer Wohnung und in einer ungeklärten Beziehung, und scheinen, ganz Kinder unserer Zeit, vor festen Bindungen zurückzuschrecken. Diese Idylle moderner Unverbindlichkeit erhält einen Riss, als Freundin Matilde ihr Problem nicht länger verheimlichen kann und die beiden um Hilfe bittet.

Matilde ist ganz verrückt vor Angst, verrückt zu werden und wagt es deshalb nicht einmal mehr, Straßen zu überqueren. Sie kommt allein nicht mehr zurecht und zieht bei ihren beiden Freunden ein. Diese stellen sich der plötzlichen Herausforderung, wenn auch manchmal mit liebenswerter Unbeholfenheit, und zu dritt versuchen sie, Matildes Problem zu lösen. Auf fast unmerkliche Weise "verrückt" sich so einiges in diesem Roman und im Leben seiner ProtagonistInnen. Obwohl auch hier die Rede von gewichtigen psychischen Problemen ist, bleibt diese liebenswerte Erzählung immer in einer Art von Schwebe, und weist mitunter eine subtile Absurdität auf, die großes Vergnügen bereitet.

Aber auch das soll hier gesagt sein: Die große Vorliebe der Autorin für das Verb "sagen" kann mitunter nerven, wenn sie auch dem Charme des Textes nicht wirklich schaden kann, und mit einigem Wohlwollen kann man diese stilistische Unart als kindliche Einfärbung der schlichten Poesie dieses Romans ansehen. Was mir besonders gefällt an "Erste Hilfe" ist das Fehlen vorgefertigter Meinungen und Wertungen und das nahezu unschuldige Staunen über unsere Welt, das in ihm zum Ausdruck kommt. Der Roman zeichnet sich außerdem aus durch eine verquere Alltagspoesie, die sehr anregend auf die eigene Phantasie wirken kann, sofern man sich selbst poetische Ausflüge im Alltag genehmigt.
 

Details
Mariana Leky: Erste Hilfe.
DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2004
ISBN 3-8321-7878-3
EUR 17,90
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Mirjam Pressler: Rosengift.
Berlin Verlag, 2004
ISBN 3-8270-0554-x
EUR 18,00
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Autorin
Claudia Mair lebt in Berlin und tummelt sich seit mehreren Jahren im Bereich des Buchhandels und des Verlagswesens.
Neben dem Schreiben von Artikeln und Rezensionen widmet sie sich dem Lektorieren von Literatur und Sachtexten.
Kontakt: ClaudiaMair@web.de