November 2002 > mehr verdienen > Erfolgreich bewerben
 
Erfolgreich bewerben - Tipps von "der anderen Seite"
Interview geführt von Katja Schwarz
 
Ein Vermerk à la "Achtung, bitte wohlwollend prüfen", den ein hilfsbereiter Kollege auf die Mappe des Neffen oder die Unterlagen der Tochter der Nachbarin schreibt, ist nicht so förderlich für eine Bewerbung, wie viele meinen. Die Empfängerin solcher Unterlagen ärgert sich vielmehr über die Beleidigung ihrer Intelligenz.
Personalplanerin Jacqueline Spitzer erzählt, was sie bei Bewerbungen für wichtig hält.

mediella: Am Anfang der meisten Bewerbungen steht eine Stellenanzeige. Kann man sich auch bewerben, wenn man nicht alle Anforderungen erfüllt?

Jacqueline Spitzer: Das kommt darauf an. Eine Stellenausschreibung listet immer die Mindestanforderungen auf, und den Großteil sollte man auch erfüllen. Sonst halte ich eine Bewerbung für aussichtslos. Generell würde ich ein Verhältnis von 80:20 ansetzen, was die erfüllten bzw. nicht erfüllten Anforderungen betrifft. Für die Lücken, die man hat, sollte man sich natürlich gute Argumente überlegen.
Übrigens kann auch eine Quereinsteigerin das geforderte Profil aufweisen, selbst wenn sie nicht alle in der Anzeige formulierten Qualifikationen erfüllt. Dafür bringt sie alternative Fähigkeiten ein, die der auszuübenden Tätigkeit genauso dienlich sind. Ob Studium oder Berufserfahrung - letztlich kommt es auf die spezifischen Kenntnisse an, die man im Lauf der Zeit erworben hat und die einen für eine Stelle qualifizieren oder nicht.

mediella: Die formalen Anforderungen an die Unterlagen werden in der einschlägigen Literatur ausführlich beschrieben. Worauf sollte man ganz besonders achten?

Jacqueline Spitzer: Auf die Auswahl der Zeugnisse. Das Abiturzeugnis oder die Bescheinigung vom VHS-HTML-Kurs interessieren mich nicht. Ich möchte nur sehen, was relevant für die Stelle ist, also vielleicht ein Diplomarbeits-Thema, das genau zu den Anforderungen passt. Die Fähigkeiten und Kenntnisse sollten im Lebenslauf beschrieben werden, da die meisten Zertifikate ohnehin eher nichtssagend sind. Anders verhält es sich mit Prosazeugnissen; die erlauben einen gewissen Einblick in die Persönlichkeit der Bewerberin.
Alle Unterlagen sollten in eine Mappe geheftet sein, die leicht durchzublättern ist und aus der die Blätter nicht herausfallen. Ganz schrecklich finde ich die Mappen, bei denen jede Seite in einer Klarsichthülle steckt - als ob ich die Unterlagen mit verschmierten Fingern anschauen würde!
Das Anschreiben - möglichst auf einer Seite - muss gut lesbar sein. Also kein Blocksatz, ein Zeilenabstand von 1.5 und ein breiter Rand für Notizen. Kurze und klare Sätze formulieren und möglichst nicht alte und neue Rechtschreibung mischen.
Insgesamt gesehen sollte man bei der Gestaltung der Mappe nie vergessen, dass Bewerbungen oft unter Zeitdruck durchgesehen werden - darum sind Übersichtlichkeit und die Beschränkung auf das Wesentliche so wichtig.

mediella: Und was hebt eine Bewerbung von den anderen ab und führt dazu, dass sie in die engere Auswahl kommt?

Jacqueline Spitzer: Individuell gestaltete Mappen fallen natürlich eher ins Auge. Eine ungewöhnliche Papierfarbe, zum Beispiel ein dezentes Creme-Weiß, oder ein großformatiges Portraitfoto sind Beispiele dafür. Bei einem ganzen Stapel von Bewerbungen dient das der Differenzierung und macht es interessant für den Lesenden. Man sollte aber genau abwägen, bei welchem Unternehmen und für welche Position man sich bewirbt - manchmal ist Standard einfach besser.
Was mir sehr gut gefällt, ist eine zusätzliche "dritte" Seite mit einer kurzen Selbsteinschätzung. Ein solches Portrait ist sehr persönlich und ergänzt die Fakten aus dem Lebenslauf.

mediella: Was passiert, wenn mehrere gleich gute Bewerbungen vorliegen?

Jacqueline Spitzer: Ich zwinge mich dann nicht zu einer weiteren Auswahl, sondern lade alle Bewerber zum Vorstellungsgespräch ein. Entscheidend ist dann, wie sich die Person ins Team fügt: passt sie zum Altersdurchschnitt, und kann sie bestehende Leerstellen oder Schwächen kompensieren? Eine "perfekte" Bewerbung macht mich allerdings immer etwas stutzig, ich frage mich dann, ob die Person noch andere Interessen hat ... für mich wird eine Bewerberin nicht durch ihre Abschlussnoten, sondern durch ihren Lebenslauf oder ihre Motivation interessant, zum Beispiel wenn sich eine Nicht-Akademikerin auf eine Akademikerstelle bewirbt.

mediella: Beim Vorstellungsgespräch entscheidet der erste Eindruck. Worauf richtet sich das Augenmerk besonders?

Jacqueline Spitzer: Auf den Händedruck und den Blickkontakt bei der Begrüßung. Das ist vielleicht ein Klischee, aber es prägt definitiv die ersten Momente. Natürlich ist Sympathiebildung subjektiv und geschieht unbewusst - deswegen ist es so schwierig, Ratschläge zu erteilen. Aber ich rate jedem, der ein Problem mit feuchten Händen hat, ein Taschentuch parat zu haben.
Außerdem sollte man nicht völlig abgehetzt zum Gespräch kommen, auch wenn man spät dran ist. Lieber anrufen und sagen, dass man sich etwas verspätet - und sich dann etwas Wasser ins Gesicht werfen und einmal tief durchatmen, damit man halbwegs entspannt wirkt.
Was die Kleidung betrifft, so sollte man jemanden fragen, wenn man sich unsicher ist. Tabu sind auffällige Farben und zu viel Schmuck, besonders Ringe. Make-up und einen kurzen (aber nicht knappen) Rock finde ich in Ordnung - aber nur mit Nylonstrümpfen, egal wie heiß es ist. Ganz wichtig: Schuhe putzen nicht vergessen.

mediella: Und was sollte die Bewerberin während des Gesprächs beachten?

Jacqueline Spitzer: Im Grunde die normalen Gesprächsregeln: schauen, was für Menschen einem gegenübersitzen, die anderen ausreden lassen, nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Nicht bloß antworten und auf die nächste Frage warten, sondern selber Fragen stellen. Das zeigt, dass man sich vorher Gedanken über das Unternehmen und die zukünftige Position gemacht hat - ganz abgesehen davon, dass auf diese Weise ein richtiges Gespräch entsteht, was für alle Beteiligten das angenehmste ist.
Noch ein Tipp zum Schluß: auf keinen Fall mit zartem Stimmchen hauchen, sondern mit fester Stimme klar und deutlich artikulieren.
 

Jacqueline Spitzer
Jacqueline Spitzer (34) arbeitet in der Abteilung Personalplanung und Personalmonitoring bei einem großen deutschen Mobilfunkunternehmen.
Den Einstieg fand sie 1995 nach ihrem BWL-Studium über ein Trainee-Programm.
Anfang 1999 übernahm sie ihre Funktion als Abteilungsleiterin für personalwirtschaftliche Systeme.
Links
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Autorin/Interview
Katja Schwarz
Kontakt: katja.schwarz@ mediella.de