Oktober 2003 > mehr verdienen > Kundeninsolvenz
 
Hilfe - mein Kunde ist insolvent!
Von Annette Wachowski
 
Sie haben die Zahlung Ihrer letzten Rechnung schon mehrfach angemahnt und jetzt lesen Sie in der Zeitung, dass Ihr Kunde Insolvenz angemeldet hat. "Sch...," werden Sie denken, "wie komme ich jetzt an mein Geld?"

So viel vorab: Den gesamten Betrag werden Sie nicht bekommen, und bis Sie überhaupt Geld sehen, können Jahre vergehen.

Was passiert bei einer Insolvenz?
Der Insolvenzantrag wird entweder vom Unternehmen selbst oder von Gläubigern beim Amtsgericht gestellt, wenn das Unternehmen zahlungsunfähig oder überschuldet ist oder wenn Zahlungsunfähigkeit droht.
Das Amtsgericht bestellt einen vorläufigen Insolvenzverwalter - ein auf Insolvenzrecht spezialisierter Anwalt bzw. eine Anwältin. Dieser hat die Aufgabe innerhalb von drei Monaten festzustellen, ob im Unternehmen noch genug Masse ist, um zumindest die Verfahrenskosten zu tragen. Wenn nicht, wird das Verfahren mangels Masse erst gar nicht eröffnet. Ist noch genügend Masse - also Vermögen - da, wird das Insolvenzverfahren nach spätestens drei Monaten eröffnet.

Kein Geld bis zur Eröffnung des Verfahrens
Während der Zeit, in der der Insolvenzverwalter bzw. die Insolvenzverwalterin die Masse sichert, schätzt und zählt, werden keine Zahlungen an Gläubiger vorgenommen, um die Masse nicht zu schmälern, denn die wird dazu gebraucht, die Kosten des Verfahrens zu decken und alle Gläubiger so gut es geht zu befriedigen.

Haben Sie für eine erbrachte Dienstleistung noch keine Rechnung gestellt, sollten Sie das allerspätestens jetzt tun, damit Sie in die Gläubigerliste, die der Insolvenzverwalter erstellt, aufgenommen werden.

Eröffnung des Verfahrens
Wenn Sie in der Buchhaltung des Kunden bekannt sind, also offene Rechnungen oder Mahnungen von Ihnen vorliegen, werden Sie vom Insolvenzverwalter, der nun nicht mehr vorläufig ist, angeschrieben, sobald das Verfahren eröffnet ist. Diesem Schreiben wird ein Formblatt beigefügt, auf dem Sie Ihre Forderungen bis zu einem festgesetzten Zeitpunkt anmelden müssen. Fügen Sie dem Formblatt Kopien der Rechnungen und Verträge bei. Das ist die einzige Chance, wenigstens einen Teil Ihres Geldes irgendwann zu bekommen.

Sie werden als Gläubigerin auch zu einem Berichtstermin eingeladen, bei dem der Insolvenzverwalter dem Gericht und der Gläubigerversammlung die wirtschaftliche Lage des Unternehmens erläutert und ob eine Chance für eine Sanierung besteht. Bei diesem Termin wird von der Gläubigerversammlung die Stilllegung oder vorläufige Fortführung des Unternehmens beschlossen.

Bei einem späteren Prüfungstermin vor Gericht wird die Forderungstabelle Punkt für Punkt durchgegangen und die Rechtmäßigkeit der Forderungen festgestellt bzw. abgelehnt.

Wenn feststeht, wie viel Vermögen noch da ist, ausstehende Forderungen eingetrieben sind und alles was versilbert werden kann, verscherbelt ist, wird eine Quote festgelegt, nach der die Gläubiger befriedigt werden. Das kann recht lange dauern und Sie sollten sich nicht allzu viele Hoffnungen auf eine hohe Quote machen, schließlich wollen der Insolvenzverwalter, das Verfahren an sich, die Mitarbeiter des Unternehmens und die Massegläubiger auch bezahlt werden - und zwar alle noch vor Ihnen.

Eigentumsvorbehalt und Aussonderung
Haben Sie eine Ware unter Eigentumsvorbehalt geliefert (keine immaterielle Dienstleistung), die Ihr Kunde nicht mehr bezahlt hat, hat der Insolvenzverwalter ein Wahlrecht, ob er den Kaufvertrag erfüllen möchte oder nicht (§107 InsO). Will er das nicht, stellen Sie beim Insolvenzverwalter einen Antrag auf Aussonderung dieses Gegenstandes aus der Masse, denn er gehört nicht zum Vermögen des Schuldners. Bitte marschieren Sie nicht einfach in die Firma Ihres Kunden und holen sich Ihre Sachen zurück!

Ein Wahlrecht hat der Insolvenzverwalter auch bei nicht erfüllten Verträgen (§103 InsO). Wenn er eine Erfüllung der Verträge ablehnt und Sie können daraus einen Schadensersatzanspruch ableiten, wird dieser Anspruch wie eine Insolvenzforderung behandelt.

Vollstreckungsverbot
Haben Sie noch einen Monat vor Stellung des Insolvenzantrags oder danach eine Zwangsvollstreckung erwirkt und einen Titel erlangt, ist der nun leider nicht mehr das Papier wert, auf dem er geschrieben ist, denn während eines Insolvenzverfahrens gilt das Vollstreckungsverbot (§88 InsO).

Wie kann ich mich davor schützen?
Insolvenzen werden leider immer häufiger und können gerade für Klein(st)unternehmerinnen selbst das Aus bedeuten. Deswegen gilt höchste Vorsicht bei Neukunden (siehe dazu auch mediella 01.03). Auch bei Stammkunden lohnt sich ein genauer Blick in die Zeitung oder ein offenes Ohr beim Gespräch mit Ihren Kontaktpersonen und ein konsequentes Forderungsmanagement.

Natürlich können Sie auch eine Forderungsausfallversicherung abschließen, die bei Insolvenz eines Kunden greift.


Unser Artikel soll im übrigen keine Rechtsberatung ersetzen, sondern Einblick gewähren in das, was passiert, wenn ein Kunde zahlungsunfähig wird. Im Zweifelsfall ist die Sachlage sowieso komplizierter als hier dargestellt und Sie sollten sich an Ihre Rechtsanwältin wenden.

Sollte einer Ihrer Kunden insolvent werden und das Verfahren nicht mangels Masse eingestellt werden, brauchen Sie vor allem einen langen Atem. Wir wünschen Ihnen gutes Durchhaltevermögen und viele zahlungskräftige Kunden zum Ausgleich.
 

Links
ABC der Insolvenzbegriffe www.insolnet.de

Gesetzestext der Insolvenz-Ordnung (InsO) http://bundesrecht.juris.de

Artikel zum Forderungsmanagement in mediella 01.03

Artikel zur Insolvenz aus Sicht der Arbeitnehmerin in mediella 09.02

Autorin
Annette Wachowski
Kontakt: annette.wachowski@ mediella.de