Oktober 2003 > mehr wissen > Kindersicherungssoftware
 
Welchen Schutz bietet Kindersicherungssoftware?
Von Heike Rudloff-Hilbig
 
Eine im Auftrag von AOL erstellte Emnid-Studie im Sommer 2002 zeigt drastisch die Hilflosigkeit von Eltern: 45 Prozent der befragten Eltern kennen keine Möglichkeiten, um ihre Kinder beim Surfen im Netz zu schützen. 21 Prozent kennen immerhin die allgemeine Beschränkung des Zugangs durch Passwörter, knapp ein Drittel die Methode der Sperre bestimmter Inhalte des Netzes.

Fragen Sie mal in Ihrem Bekanntenkreis. Auch Sie werden kaum jemanden finden, der Filtersoftware zum Schutz seiner Kinder einsetzt. Freilich ist das Interesse an solchem Schutz durchaus vorhanden: "Gibt's da jetzt was, was funktioniert?"

Die veröffentlichten Tests dieser Software lassen bisher keine wirkliche Begeisterung aufkommen.
Die Ergebnisse rangieren zwischen befriedigend und völlig unzureichend. Wie die Macher der ehrenamtlich betriebenen Kindersuchmaschine Blinde-Kuh.de monieren, filtern manche Softwareprogramme zwar anerkannt gute Kinderseiten heraus, lassen aber immer wieder gewaltverherrlichende und rechtsextremistische Seiten durch. Sex-Seiten sind von der Filtersoftware dagegen leichter zu identifizieren.

Staatlicher Jugendmedienschutz durch die KJM.
Seit dem 1. April 2003 gilt das neue Gesetz zum Schutz von Jugendlichen und Kindern in den Medien, das Jugendmedienschutzgesetz. Neues Aufsichtsgremium ist die Kommission für Jugendmedienschutz, kurz KJM.
Mit dem neuen Gesetz sind die Anbieter von "Telemedien" verpflichtet, Jugendschutzbeauftragte zu bestellen oder sich einer Einrichtung zur freiwilligen Selbstkontrolle anzuschließen. Außerdem sollen sie Filterprogramme einsetzen, um Kindern und Jugendlichen den Zugang zu "entwicklungsbeeinträchtigenden" Inhalten zu verwehren.

Schon seit 1997 agiert im Jugendschutzbereich eine Arbeitsgruppe mit dem Namen Jugendschutz.net. Sie wurde von den Jugendministern der Bundesländer eingesetzt, um die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen nach dem Medienstaatsvertrag der Länder zu unterstützen.
Das Jugendschutz.net betreibt erfolgreich "positiven" Jugendschutz. Mehr als 2.500 Seiten werden wegen pornographischer, gewaltverherrlichender oder rassistischer Inhalte dank der Arbeit von Jugendschutz.net jährlich aus dem Netz genommen. Das Gremium veröffentlichte einen Leitfaden und eine CD-ROM für Eltern und Pädagogen zu diesem Thema.

Zur Wirksamkeit der bisher auf dem Markt befindlichen Filtersoftware gibt es verschiedene Tests.
Das Jugendschutz.net legte im April 2003 eine Studie vor, die im Auftrag des Landes Niedersachsen durchgeführt wurde. Auch die Zeitschrift c't veröffentlichte Anfang 2003 eine Untersuchung.
Getestet wurden die Programme CyberPatrol, WebChaperone, das PICS-System, CyberSitter, Netnanny, SurfWatch, Cyber Sentinel, X-Stop, CyberSnoop, PureSight und Parents Friends.

Die Kinderschutzprogramme kamen dabei insgesamt nicht sehr gut weg. Keines wurde uneingeschränkt empfohlen. Darüber hinaus waren etliche Softwareprogramme leicht manipulierbar.

Eine klare Absage erteilt das Jugendschutz.net dem selfrating-Verfahren.
Nach diesem Prinzip arbeitet zum Beispiel die Filtersoftware der ICRA. Das Softwaresystem erkennt und sortiert Seiten aus, die die Anbieter vorher freiwillig mit einer elektronischen Etikettierung wie Sexdarstellung versehen sollen, die sogenannten PICS-Label. Dieses selfrating-Verfahren ist schon länger am Markt und wurde zum Beispiel von der Bertelsmann-Stiftung unterstützt.

Auf eine Kontrolle und Betreuung der Kinder und Jugendlichen beim Surfen im Internet lässt sich nicht verzichten.
Das zeigen die Ergebnisse der Untersuchungen ganz deutlich. Wie Bernhard Rohleder, Vorsitzender der Geschäftsführung von BITKOM (Bundesverband für Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) anmerkt, sei der technische Sachverstand älterer Kinder und Jugendlicher nicht selten höher als der ihrer Eltern.
Die Macher der Kindersuchmaschine Blinde-Kuh.de formulieren es noch deutlicher: Die Computerkids seien "eben nicht so leicht auszutricksen". Sehr viele Informationen, für die sich Kinder interessieren, befänden sich eben nicht auf speziell für Kinder gemachten Seiten.

Ein Dilemma für die verantwortlichen Eltern: Den Umgang mit dem Medium beherrschen zu lernen ist für die berufliche Zukunft des Nachwuchses sehr wichtig.
Der Trost: Eingesetzt als Ergänzung können die Kinderschutzfilter durchaus sinnvoll sein. Höheren Ansprüchen genügen sie zwar noch nicht, blockieren aber wenigstens einen Teil ungeeigneter Seiten. Das gilt besonders bei jüngeren Kindern.

Den besten Schutz bietet ein Kinderschutzportal.
Jugendschutz.net empfiehlt für die Jüngsten den Aufbau eines Kinderschutzportals, das durch eine unabhängige Redaktion gepflegt werden sollte.
Größere Kinder brauchen mehr Spielraum, aber auch Einschränkungen, um die Möglichkeiten des Internets einsetzen zu lernen, zum Beispiel einen Account mit eingeschränkten Rechten.

Die Diskussion über Filter ist sicher noch nicht beendet, neue Ideen sind gefragt.
 

Linktipps
Axel Kossel: Feigenblätter fürs Web, Zeitschrift c't, Ausgabe 5/2003, S.152-159, über www.heise.de

www.akademie.de, Basiswissen für Laien: Unzureichender Jugendschutz durch Filtersysteme

www.jugendschutz.net mit Infos zu Kinderschutzfiltertests, Page Labeling/PICS

Ratgeber für Eltern und Pädagogen: "Ein Netz für Kinder - Surfen ohne Risiko?" Download als PDF

mediella 07.03: Spam filtern

Autorin
Heike Rudloff-Hilbig, M.A., freiberufliche Journalistin, Team-Trainerin.
Kontakt: H.Rudloff@web.de