Oktober 2002 > mehr netzwerken > Virtuelle Netzwerke III
 
"We are community" - Teil 3:
Virtuelle Beziehungen bereichern unser Leben
Von Birgit Beichter
 
Unsere Gesellschaft entwickelt sich hin zu mehr Globalisierung und Individualisierung. Grenzüberschreitende Netzwerke in Arbeits- und Sozialbeziehungen werden zukünftig wichtig.
Es stellt sich also nicht die Frage, ob virtuelle Beziehungen gut oder schlecht für unser menschliches Miteinander sind, sondern wie wir positiv davon profitieren können.

Eine gezielte Förderung der Medienkompetenz in den Bereichen E-Learning und virtuelle Zusammenarbeit ist hierfür eine wichtige Voraussetzung. Virtuelle Communities bieten das ideale Handlungs- und Experimentierfeld. Spielerisch können neue Kommunikationskanäle und Beziehungsmuster eingeübt werden und Sozialkontakte entstehen.


Besonderheiten virtueller Beziehungen

Tatsache ist, dass die Online-Kommunikation neue Möglichkeiten eröffnet. Wir können Menschen virtuell treffen, die wir offline nie kennen gelernt hätten. Wir haben Zugang zu einem großen Pool von Expertenwissen und Erfahrung. Egal wann wir ins Netz gehen, es ist immer jemand erreichbar. Online-Kommunikation beruht auf Gegenseitigkeit und ermöglicht den Aufbau und die Gestaltung von Beziehungen, wenn auch mit einigen Besonderheiten.

  • Virtuelle Kontakte stützen sich vorwiegend auf geschriebene Sprache. Text transportiert keine Körpersprache. Es kommt häufiger zu Missverständnissen aufgrund von unterschiedlichen Interpretationen von Sender und Empfänger. Kreativität in der Formulierung ist gefragt, wie die Erfindung der Emotikons J zeigt. Oft entwickelt sich ein eigener Jargon. Der schnelle und formlose Sprachstil ist ein Vorteil bei der Überwindung von Hierarchien und der Begegnung auf gleicher Ebene.

  • Community-Teilnehmerinnen treten häufig anonym oder pseudonym auf. Die Person hinter der Aussage wird schwerer greifbar. Auf der anderen Seite bietet die Anonymität Schutz, fördert die Öffnung gegenüber anderen Menschen und das Ausprobieren neuer Verhaltensmuster.

  • Einige Systeme ermöglichen ihren Userinnen mehrere Namen zu benutzen und verschiedene Identitäten anzunehmen. Solche Rollenspiele können viel Spaß bereiten. Nachteil: Die Hemmschwelle für Beleidigungen und das Äußern von radikalen Meinungen sinkt.

  • Das Ein- und Austreten in eine virtuelle Gemeinschaft ist durch wenige Klicks möglich. Kontakte können per Tastendruck sofort abgebrochen werden. Beziehungen werden unverbindlicher.

  • Der Vorteil liegt in der Teilnahme unabhängig von Ort und Zeit, auch für Menschen, die sonst keine Möglichkeit haben, sich einer Gruppe anzuschließen.

Der schnelle Kontakt - Chatten

Das Chatten ist zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung der Deutschen geworden. Der Chat als geschriebenes Gespräch kommt dem face-to-face Kontakt am nächsten. Gechattet wird synchron, d.h. es müssen gleichzeitig mehrere Userinnen online sein. Aktion und Reaktion erfolgen unmittelbar aufeinander.

Neben der schnellen Kontaktaufnahme fasziniert das Spiel mit verschiedenen Identitäten. Das kann ein Teilaspekt der eigenen Persönlichkeit sein, wie die berufstätige Mutter, oder eine erfundene Identität.

Die Themen der meisten Chats sind banal und bieten im Idealfall eine angeregte Unterhaltung. Häufig werden aus flüchtigen Chatflirts reale Beziehungen.

Nicht nur Jugendliche nutzen den Chat, auch für Seniorinnen eröffnen sich neue Möglichkeiten, endlich Gleichgesinnte und vielleicht auch einen neuen Partner zu treffen. Zunehmend nutzen Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen und Dienstleisterinnen dieses Kommunikationsmedium zur Steigerung ihres Bekanntheitsgrades oder der Verbreitung bestimmter Meinungen.

Eine neues Potenzial eröffnet der Chat im Bereich der kirchlichen Seelsorge und der psychologischen Beratung. Die Anonymität des Kontaktes erleichtert die Selbstöffnung der Ratsuchenden.


Gut beraten im Netz - der Austausch im Forum

Wer sich an Diskussionen zu speziellen Themen beteiligen will, wird häufig in ein Forum geführt. Die Kommunikation läuft asynchron, Aktion und Reaktion erfolgen zeitversetzt.

Die Beiträge per Mail und deren Antworten werden aufgelistet, bleiben länger online und können gezielt abgerufen werden. Ein Archiv ermöglicht jeder Teilnehmerin auf einen Pool von Erfahrungen und Wissen zurückgreifen.

Foren werden zum Erfahrungsaustausch genutzt, zur Einholung von fachlichem Rat oder für Hilfestellungen bei anstehenden Entscheidungen. Das Forum lebt von der Qualität seiner Inhalte und der Aktualität der Information. Deshalb ist eine gute Organisation und Moderation erfolgsentscheidend.


Im Ton vergriffen - unzensierte Inhalte und Konflikte in virtuellen Beziehungen

Wie in jeder Beziehung läuft in der virtuellen Kommunikation nicht alles harmonisch. Communities sehen sich häufig mit Problemen verbaler Ausfälle, extremer Meinungen und schnell eskalierender Konflikte konfrontiert. Grund hierfür ist die fehlende Information über die Körpersprache und Stimme. Es ist schwerer die Perspektive des Gegenübers nachzuvollziehen. Die Folge sind Fehlinterpretationen und der Rückgriff auf Klischees. Das beschleunigt die Eskalation zum Konflikt bis hin zum Beziehungsabbruch.

Diesem Problem kann entgegengewirkt werden. Professionelle Moderatoren, Community-Guides oder Community-VIP`s (aktive Stamm-Mitglieder) sorgen für zusätzliche Strukturierung und Abstimmung in der Kommunikation. Sie sind mit den Regeln und Verhaltensmustern der Netzgemeinschaft vertraut, sind Ansprechpartnerinnen für neue Mitglieder und greifen klärend ein, wenn die Regeln verletzt werden.


Virtuelle Beziehungen sind kein Ersatz für reale Beziehungen. Es ist wie mit allen Dingen im Leben ... im Übermaß schädlich.

Buchtipps
Sherry Turkle 1999:
Leben im Netz. Identitäten in Zeiten des Internet.
Rowohlt TB, ISBN: 3-499-60069-2,
Preis ca. € 13,50
Das Verhältnis von Mensch und Maschine und das Thema virtuelle Identitäten aus psychologischer Sicht.

Don Tapscott (1998): Net Kids.
Die digitale Generation erobert Wirtschaft und Gesellschaft
Gabler Verlag, ISBN 3-409-19287-5
Preis ca. € 24,00

Linktipp
Teil 1: Wie virtuelle Communities entstehen

Teil 2: Was hält virtuelle Netzwerke zusammen.
Autorin
Birgit Beichter
Kontakt: birgit.beichter@
mediella.de