September 2004 > mehr wissen > Schreiben und Kreativität
 
Schreiben und Kreativität oder: Nur keine Hemmungen!
Von Claudia Mair
 
Allgemein kann man sagen, dass "Schreibprobleme" in zwei Phasen vorkommen können: 1) bei Idee und Recherche und 2) bei der schriftlichen Ausarbeitung. Psychische Blockierungen wie z.B. zwanghafter Perfektionismus, mangelndes Selbstbewusstsein oder die Sucht des Aufschiebens wirken in beiden Phasen sehr negativ und wer dadurch dauerhaft in seiner Arbeit gelähmt wird, sollte das jeweilige Problem zu lösen versuchen, notfalls auch mit Hilfe einer Therapeutin - oder dazu stehen und die Konsequenzen tragen. Das meint zumindest Hans-Werner Rückert, der in seinem Buch "Schluss mit dem ewigen Aufschieben" wertvolle Hinweise zur Lösung solcher Blockierungen gibt. Bei den meisten von uns jedoch liegen solche Lähmungsauslöser wie Perfektionismus nur in minderschwerem Grad vor und können durch kleine Tricks außer Kraft gesetzt werden. Wenn das berühmt-berüchtigte weiße Blatt - oder wahlweise der leere Bildschirm - sich hämisch und nahezu obszön vor uns ausbreitet, kann man sich helfen, indem man einfach drauf losschreibt, unzensiert, also ohne jegliche Wertung - schließlich muss man Texte ohnehin meist mehrere Male überarbeiten. Der Wunsch nach Perfektion ist - wie in anderen Bereichen des Lebens auch - realitätsfern und überflüssig, ja schädlich.

Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang die Methode des Clustering, die Gabriele L. Rico in ihrem Buch "Garantiert schreiben lernen" darstellt. Dieses, der freien Assoziation verwandte Verfahren soll helfen, unser auf Ordnung bedachtes und meist streng wertendes begriffliches Denken zu umgehen und Verbindung aufzunehmen mit den Erfahrungen, Bildern und der Phantasie, die in uns schlummern. Dazu braucht man lediglich ein leeres Blatt Papier und einen Stift. Nehmen wir an, wir müssten einen Artikel über Schreiben und Kreativität verfassen, so setzt man in die Mitte des Blattes einen Kreis mit den Kernwörtern Schreiben und Kreativität. Alles, was einem in diesem Zusammenhang einfällt, wird um diesen Kern herum aufgeschrieben, eingekreist und untereinander mit Strichen verbunden. Meist bildet sich bald ein Muster heraus, das man mit Hilfe der Verbindungsstriche oder mit Pfeilen betonen kann. Das ähnelt dann bereits dem Versuchsnetz, der nächsten Stufe des Clustering, in dem die Struktur bereits deutlicher herausgearbeitet wird und das begriffliche Denken, also die linke Gehirnseite, sich wieder einmischen darf. Ähnlich geht auch die Methode des Mind Mapping vor, die der Engländer Tony Buzan favorisiert. Auf der Website www.zmija.de/mindmap.htm findet sich eine gelungene Zusammenfassung des Mind Mappings.

Wichtig bei diesen Methoden, wie beim Schreiben überhaupt, ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in das Kreativitätspotential unseres Geistes, selbst in Phasen geistiger Lähmung. Denn auch diese quälenden Phasen haben ihren Sinn und bilden nicht selten die Basis für die produktiven Phasen. Das Gehirn arbeitet an den Themen weiter, auch unbewusst, weshalb der alte Rat, erst mal eine Nacht - oder auch mehrere - darüber zu schlafen, unbedingt beherzigt werden sollte. Dazu ist natürlich ein gutes Zeitmanagement vonnöten, denn unter Zeitdruck fehlt die Zeit für das spielerische und entspannte Vorgehen.

Mein Vorschlag für den Ablauf eines kreativen Schreibprozesses sieht folgendermaßen aus:

  1. wertfreies, assoziatives Clustering, auch als Anregung für
  2. Recherche und Stoffsammlung;
  3. darauf aufbauendes Mind Mapping, also ein oder mehrere bereits strukturierte Cluster;
  4. zentrale Aussage(n) in einem oder zwei Sätzen zusammenfassen
  5. schriftliche Ausarbeitung;
  6. Überarbeitung.
Punkt vier ist in meinen Augen von nicht zu vernachlässigender Bedeutung. Verständlichkeit und Wirkung des Textes setzen eine Klarheit im Denken der Verfasserin voraus. Fassen Sie die Aussage Ihres Textes in ein oder zwei Sätzen zusammen. Gelingt das nicht, dann sollten Sie noch einmal genau überlegen, was Ihr Anliegen ist und was der Text bezwecken soll. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt! - Auch wenn sich im Verlaufe des Schreibens dann die Richtung Ihrer Gedanken noch ändern kann. Ueding nennt dies in Anlehnung an Kleist "die Verfertigung der Gedanken beim Schreiben". Das Buch Uedings "Rhetorik des Schreibens" ist übrigens sehr hilfreich für die Phase der Ausarbeitung.

Sehr empfehlenswert ist es, das Schreiben täglich zu trainieren, auch ohne Auftragstext, denn wer sein Handwerk beherrscht, tut sich bedeutend leichter. Dinge wie Stil, Textaufbau und Wortschatzerweiterung sind die eine Seite. Dazu findet sich auf dem Markt ausreichend Literatur und es lohnt, sich in diesem Bereich ein wenig umzusehen. Wichtig sind auch Hilfsmittel wie Stilwörterbuch, Synonymlexikon etc. Die andere Seite ist das Trainieren des Schreibens als körperliche Tätigkeit. Dorothea Brande führt in ihrem Buch "Schriftsteller werden" aus, wie wichtig es ist, Ausdauer und Disziplin im Schreiben zu entwickeln. Ihr Buch richtet sich zwar in erster Linie an literarische Autoren, doch von ihren Tipps können auch Sachbuchautorinnen und Verfasserinnen von Gebrauchstexten profitieren.

Brande macht außerdem deutlich, wie wichtig Selbstbeobachtung ist. Die zentrale Frage lautet nämlich: Was in mir und um mich herum demotiviert bzw. inspiriert mich? Arbeiten Sie lieber mit Musik oder in absoluter Stille? Brauchen Sie einen stinkenden Apfel in der Schublade, wie der gute alte Schiller? Fliegen Ihnen auf dem Balkon die Ideen nur so zu oder bevorzugen Sie Ihren peinlich genau aufgeräumten Schreibtisch? Vielleicht schreiben Sie besonders gut, wenn Sie am Abend zuvor im Theater waren oder regt Sie die morgendliche Zeitungslektüre an? Oder andersherum: Gibt es Bekannte oder Angewohnheiten, die Ihnen die Energie zum Schreiben rauben? Übrigens geht das Gerücht, dass auch sportliche Betätigung den Gehirnzellen und damit der Kreativität sehr zuträglich sein soll ...
 

Quellen und Links
Bücher
Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Piper Verlag 2005. ISBN 3-492-24340-1. EUR 9,90
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Gabriele L. Rico: Garantiert schreiben lernen. Rowohlt 2004. ISBN 3-499-61685-8. EUR 10,-
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Gert Ueding: Rhetorik des Schreibens. Beltz Athenäum 1996. ISBN 3-89547-102-X. EUR 14,90
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Dorothea Brande: Schriftsteller werden. Autorenhaus-Verlag 2002. ISBN 3-932909-78-X. EUR 10,-
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Website
Einführung in Mind Mapping: www.zmija.de/mindmap.htm

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Autorin
Claudia Mair lebt in Berlin. Sie tummelt sich seit mehreren Jahren in den Bereichen Buchhandel und Verlagswesen, schreibt gelegentlich Artikel und Rezensionen und lektoriert sowohl Literatur als auch Sachtexte.
Kontakt: ClaudiaMair@web.de