September 2002 > mehr netzwerken > Gitte Härter
 
Sind Sie eine gute Netzwerkerin?
Interview geführt von Regina Kogler
 

Gitte Härter ist privat und beruflich im Netz aktiv und kennt Foren, Chats und Websites sowohl als User wie als Betreiber. Als Trainerin bietet sie u.a. einen Workshop zum Thema Online-Communities an.

mediella: Was ist eine gute Netzwerkerin?

Gitte Härter: Die wichtigsten Grundlagen für gutes Netzwerken sind aus meiner Sicht:

  • auf andere zugehen UND andere auf sich zukommen lassen
  • an sich UND an anderen aufrichtig interessiert sein
  • aktiv sein UND Grenzen kennen und haben
  • einbringen UND annehmen können/wollen und dürfen
  • authentisch sein
Wer für sich prüfen möchten, ob sie eine gute Netzwerkerin ist, kann sich mit diesen Grundlagen auseinandersetzen. Und außerdem folgende Aspekte für sich selbst hinterfragen:
  • Was ist meine Motivation/was sind meine Gründe, warum ich netzwerken möchte?
  • Was ist meine Einstellung zu einem Netzwerk als Ganzes und zu den einzelnen Mitgliedern?
Ja, gutes Netzwerken bedeutet "geben und nehmen" - das darf man jedoch nicht sklavisch à la "Zug um Zug" sehen. Also nicht aufrechnen im Sinne von "ich hab Dir was gegeben, jetzt musst Du mir was wiedergeben" - das ist Zwang.
Ein Netzwerk zeichnet sich auch dadurch aus, dass Austausch im Gesamten passiert. Ich stelle zwischen zwei Leuten einen Kontakt her und freue mich, dass was entsteht. Ein anderes Netzwerkmitglied hat dafür morgen einen guten Tipp für mich etc.

mediella: Welche Rolle spielt die Moderation einer Community?

Gitte Härter: Das ist eine sehr große Frage. Denn über allem steht erst einmal: Was wollen die Gründer einer Community/eines virtuellen Netzwerks erreichen? Und was sind ihre Ziele?
Diese "Dachfrage" setzt die Grundlage, ob eine Community sehr stark geführt wird oder alle User sich selbst überlassen bleiben.
Hier spielt natürlich auch die Technik eine große Rolle: Was lässt mein System überhaupt an Aufteilung, Moderationswerkzeugen etc. zu. Da wir mit dem Thema sehr weit ausholen müssten, beschränke ich mich mal allgemein auf die Rolle einer Moderation.

Sollte eine Community moderiert werden?

Ein ganz klar und deutliches "Ja"! Meine langjährige Erfahrung im Netz, sowohl als Privatperson und sehr engagierte Userin in verschiedenen Communities bis hin zur "anderen" Seite, als frühere Betreiberin/Moderatorin und mittlerweile als Beraterin für interaktive Websites, zeigt, dass eine völlig unmoderierte Community sehr schnell den Bach runter geht.

Moderation ist nicht nur wichtig für "Störfaktoren", wie unerwünschte Werbung, Vergreifen im Tonfall, ungute Inhalte - Moderation ist generell wichtig, um

  • eine Community in Gang zu bringen
  • neuen Usern den Einstieg zu erleichtern
  • den "Community-Geist" (Umgangston, aktiv sein, aufeinander eingehen etc.) zu verbreiten
  • "offizielle" Ansprechpartner zu bieten (nicht nur für Fragen, sondern auch um zu zeigen, dass die Community den Betreibern selbst wichtig ist und man sich für sie engagiert)
Moderatoren sind nicht immer "formell" eingesetzt. Man sieht in gut gehenden, langjährigen Communities auch Stamm-User, die sich entsprechend verhalten und engagieren.
Zum "idealen" Verhalten einer Moderatorin:
Wie gesagt: Zur Aktivität/Präsenz-Intensität kann man allgemein nichta sagen, denn das hängt von der Zielsetzung und natürlich auch von der Art der Beiträge ab.
Eine Moderatorin sollte sich als aktives Mitglied fühlen und zeigen und dennoch auch offen ihre Verantwortungsrolle wahrnehmen.
Gute Moderatoren haben ein Gespür für Menschen, Situationen und Kommunikation - übrigens ist es wichtig, für sich zu prüfen, ob man dieses Gespür auch virtuell hat, denn der Bildschirm ist was ganz anderes! Sie benehmen sich immer respektvoll. Sie trauen sich jedoch auch freundlich und konstruktiv einzugreifen, wenn was daneben geht.
Regeln, die für andere gelten, gelten selbstverständlich auch für eine Moderatorin!

Häufige Fehler bei Moderatoren:
  • Gar nicht präsent.
  • Zuviel präsent.
  • Postet viel zu häufig und lässt "normalen Usern" keinen Raum.
  • Postet immer nur, wenn es etwas zu bemängeln gibt ("Kontrolleur").
  • Auf etwas Ungutes nicht oder erst sehr stark reagieren.
  • Auf Kritik an die eigene Person nicht oder sehr stark reagieren.
  • Will mit allen Lieb-Kind sein und ergreift Partei, um ja nicht anzuecken.
Klar ist auch, dass eine moderierte Community ständig moderiert sein muss! Also nicht etwa nur alle paar Tage schauen, was so los ist.

mediella: Wie kann frau zu einer guten Moderatorin werden?

Gitte Härter: So richtig allgemein Kurse zur Moderatorin sind mir selbst nicht bekannt. In meinem Workshop spielt Moderation, die Rolle und was man tun kann/soll/muss eine große Rolle.
Ansonsten kann ich jeder Moderatorin oder solchen, die es werden möchten, nur raten:

  • Bilden Sie sich in punkto Kommunikation weiter - lernen Sie an sich selbst!
  • Sehr empfehlenswert sind hier die Bücher "Miteinander reden, Band 1-3" von Friedemann Schulz von Thun.
  • Nehmen Sie selbst als Userin aktiv und über einen längeren Zeitraum an anderen Communities teil. Nehmen Sie wahr, was Ihnen als Teilnehmerin gut gefällt, wieso - und was Ihnen nicht gut gefällt und wieso.
Natürlich auch: Was Sie sich wünschen würden/was Ihnen fehlt. Beobachten Sie sowohl die Community allgemein, als auch Einzelpersonen - die unterschiedlichen Typen von Usern und Moderatoren und ihr Verhalten.
Sie können sich Communities aussuchen, die mit eigenen Interessengebieten oder Ihrer eigenen Community "verwandt", also ähnlich, sind. Oder noch besser: In unterschiedlichen Bereichen experimentieren und auch mal erleben, wie sich Umgangston, Inhalte, Sprache etc. verändern, wenn man sich in unterschiedliche Gruppen wagt.

mediella: Ist die sogenannte Netiquette wichtig?

Gitte Härter: Da muss ich wieder oben anknüpfen: Die Betreiber/Gründer einer Community sollten auf jeden Fall "Spielregeln" aufstellen, die ihnen wichtig sind. Diese muss dann natürlich auch an exponierter Stelle vermittelt werden.
Wichtig: Bitte nicht, wie ich das häufig sehe, diese "Spielregeln" mit einem Gesetzestext verwechseln! Ich sehe häufig ganze Latten von Verboten à la "Das ist nicht erlaubt und das auch nicht und wir behalten uns vor, jemand, der dagegen verstößt, auszusperren!" Holla!
Überlegen Sie sich, was Ihnen wichtig ist in punkto

  • Umgangston
  • Formellem
  • Werbung
  • externe links etc.
Formulieren Sie KLAR und eindeutig - jedoch selbstverständlich freundlich.
Ob "die Netiquette" wichtig ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich bin der Meinung, dass jeder von uns es sich wünscht, dass andere respektvoll mit einem umgehen. Und entsprechend sollte das auch umgekehrt gelten.
Dass es am Computer, wo man sein Gegenüber oft nicht kennt oder eben nicht sieht, immer mal wieder wichtig ist, zu erinnern, dass am anderen Ende ein Mensch ist (wie das sehr häufig in der Netiquette steht), kann ich bestätigen. Nicht jeder Person, insbesondere wenn es mal hitzig werden sollte, ist das in dem Moment bewusst.
Wichtig für Moderatoren: Bitte nicht einfach sagen "Es steht aber in der Netiquette, drum sollst Du es auch einhalten!" So was ist wieder "Verschanzen-hinter-Gesetztestext".

mediella: Deine Tipps für erfolgreiches Networking

Gitte Härter: Da muss ich mich wiederholen. Die wichtigsten Tipps sind für mich identisch mit den oben von mir schon zitierten Grundlagen:

  • auf andere zugehen UND andere auf sich zukommen lassen
  • an sich UND an anderen aufrichtig interessiert sein
  • aktiv-sein UND Grenzen kennen und haben
  • einbringen UND annehmen können/wollen und dürfen
  • authentisch sein

Weiter
zum Interview mit Pia Bohlen und zum Interview mit Fiona Amann
zu "We are community" Teil 2: Was hält virtuelle Netzwerke zusammen?
 

Gitte Härter,

Coach, Trainer und Buchautorin aus München.
Sie ist Mitinhaberin von objektiv. Coaching & Training für Business und Karriere. Mit ihrer zweiten Firma netzpertise.de berät sie Unternehmen beim erfolgreichen Internetauftritt.

Kontakt:
objektiv. Management & Lebensqualität
E-Mail: gitte@selbstmarketing.de

www.selbstmarketing.de
Coaching und Training für Business & Karriere

www.netzpertise.de
Webseiten-Check & Optimierung


Online-Workshop von Gitte Härter bei akademie.de
Kundenbindung im Netz: Online-Communities & Co.
Start: 24. Oktober 2002
www.netzpertise.de/
leistung/workshop.htm


Linktipps von Gitte Härter
www.netzpertise.de/tipps/
artikel/comm_intro.htm

Artikelserie zum Thema Communities

www.netzpertise.de/
tipps/links_comm.htm

weitere hilfreiche Websites zum Thema Communities

Buchtipp von Gitte Härter
Gudrun Fey (2002): Kontakte knüpfen und beruflich nutzen. Erfolgreich netzwerken. ISBN: 3802946138.

Autorin/Interview
Regina Kogler
Kontakt: regina.kogler@ mediella.de