September 2002 > mehr netzwerken > Virtuelle Netzwerke II
 
"We are community" - Teil 2:
Was hält virtuelle Netzwerke zusammen?
Von Birgit Beichter
 
Aus dem Community-Hype wird Ernüchterung
Virtuelle Communities galten Ende der 90er Jahre als das Kommunikations- und Businessmodell der Zukunft. Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich unzählige virtuelle Gemeinschaften und verschwanden genauso schnell wieder aus dem WWW. Dem Community-Hype folgte die Ernüchterung. Leere Foren, uninteressante Inhalte und sinkende Besucherzahlen führten zum Aus für die meisten virtuellen Netzwerke.

Die Ursachenforschung hat gezeigt, dass Websites mit interaktiven Elementen und attraktiven Werbebotschaften nicht ausreichen, um eine Community aufrecht zu erhalten. Gemeinschaften leben von den Menschen, die sich in den virtuellen Räumen treffen und Beziehungen pflegen.

Aller Anfang ist schwer - Meilensteine auf dem Weg zur Community
Es ist geschafft ... eine technisch perfekte Plattform steht bereit, das Layout ist ansprechend und die ersten Inhalte sind online. Jetzt fehlen nur noch die Besucherinnen, die die virtuelle Stammesgemeinschaft beleben. Wenn es nur nicht so schwierig wäre, diese launischen und oberflächlichen Userinnen zu überzeugen, sich der Gemeinschaft anzuschließen.

  • Die kritische Größe ist die erste Hürde auf dem Weg zur funktionierenden Community. Das bedeutet neben attraktiven Inhalten und optimalen technischen Voraussetzungen das Werben neuer Mitglieder. Dazu ist Öffentlichkeitsarbeit nötig, um die Bekanntheit zu steigern. Ist ein gewisser Bekanntheitsgrad erreicht, entsteht die Dynamik der positiven Rückkoppelung. Je mehr Mitglieder sich zusammentun, umso lohnender wird es für jedes Mitglied dem Netzwerk anzugehören. Die gleiche Regel gilt umgekehrt. Wird die Gemeinschaft zu groß zerfällt sie in kleinere, überschaubare Untergruppen oder löst sich auf.
  • Gemeinsame Erlebniswelten entstehen durch ein breites Angebot von Information, Meinungen und deren Kommunikation. Durch den Austausch finden sich immer mehr gleichgesinnte Mitglieder. Eine spezifische Kommunikationskultur entwickelt sich, der "interne Slang" genannt. Die Community wird zu etwas Besonderem. Es macht Lust dazuzugehören und sich für die Gemeinschaft zu engagieren.
  • Die Identifikation der Teilnehmerinnen mit den Zielen und Inhalten der Community wird dadurch verstärkt und bindet an die Gemeinschaft. Die Community grenzt sich nach außen ab und etabliert eine eigene Gemeinschaftskultur mit gemeinsamen Werten, Verhaltensregeln und Ritualen.

Vertrauen und Loyalität - sozialer Klebstoff einer Netzgemeinschaft
Vertrauen ist die Grundlage einer gut funktionierenden Beziehung, auch in der virtuellen Welt. Gelingt es in einer virtuellen Gemeinschaft Vertrauen aufzubauen, folgen daraus stärker bindende Gefühle wie Identität, Geborgenheit, Rückhalt und Selbstvertrauen. Die Bereitschaft sich gegenüber anderen zu öffnen wird größer. Oft wird diese Bindung verstärkt durch Kontakte und Treffen im realen Leben. Je mehr positive Erfahrungen die Mitglieder in der virtuellen Gemeinschaft sammeln, desto stärker entwickelt sich Loyalität gegenüber der Gemeinschaft. Dies ist der soziale Klebstoff einer realen und virtuellen Gemeinschaft.

Lebenszyklen von virtuellen Communities
Die Geschichte der ersten sozialen Netzgemeinde "the well" hat gezeigt, dass jede Gemeinschaft im realen oder virtuellen Leben einen bestimmten Lebenszyklus durchläuft.

  • Zunächst kommt es zu einer Phase des Wachstums, in der die meisten Mitglieder eintreten und ihre spezifische Netzkultur etablieren. Die Community grenzt sich nach außen ab.
  • Die Phase der Konsolidierung oder die Blütezeit der Gemeinschaft ist gekennzeichnet durch sinkende Zuwanderung und beginnende Abwanderung. Es entstehen verschiedene Themenschwerpunkte, Untergruppen bilden sich heraus. In dieser Phase werden die Mitglieder unterschiedlich aktiv sein. Die aktiven Mitglieder sog. "Community VIP`s" treten durch häufige Interaktionen in Erscheinung und bilden die Meinungsführerschaft der Community. Es ist entscheidend, möglichst viele aktive Mitglieder zu beherbergen um ständig neue Inhalte zu generieren. Die gemeinsame Identität darf sich jedoch nicht wesentlich verändern, denn sie erzeugt die nötige Kontinuität.
  • In der Phase des Übergangs entscheidet sich, ob eine Community überlebt oder stirbt. Gelingt es Zu- und Abwanderung im Gleichgewicht zu halten und eine Kultur der Partizipation von der Basis her aufzubauen, kann sich die Gemeinschaft verändern und erneuern. Dazu ist das Engagement möglichst vieler Mitglieder nötig. Gemeinsame Erfolge, wie zum Beispiel die Erreichung eines Ziels, vermitteln das Gefühl von Stärke. Die virtuellen Beziehungen werden durch Treffen im realen Leben oder die Organisation gemeinsamer Events gefestigt. Misslingt dies, steigt die Zahl der passiven Mitglieder und es kommt zu mehr Abwanderung.

Beziehungskultur im Cyberspace
Jede Gemeinschaft lebt durch die Beziehungen der Menschen untereinander. Im Cyberspace ist eine neue Beziehungskultur entstanden, geprägt von Anonymität und schnell entstehender Nähe. In Teil 3 der Serie "We are community" geht Birgit Beichter der Frage nach, wie Beziehungen in virtuellen Gemeinschaften durch diese Besonderheiten geprägt werden.
 
Linktipp
Teil 1: Wie virtuelle Communities entstehen
Autorin
Birgit Beichter
Kontakt: birgit.beichter@
mediella.de