September 2002 > mehr können > E-Learning
 
Zukunftsmarkt E-Learning
Eine Literaturstudie von Heike Rudloff-Hilbig
 
Der E-Learning-Markt: Euphorie und Ernüchterung
"Die Produktion von Inhalten für multimediale Anwendungen zählt in Deutschland zu den begehrtesten Tätigkeitsfeldern für kreative und computerversierte Leute", erkannte das Bundeswirtschafts- und Technologieministerium schon 1999.
Und E-Learning ist nicht nur ein beliebter, sondern auch ein immer wichtiger werdender Bereich dieser Branche. Branchenvertreter prognostizieren trotz Konjunkturkrise stabiles Wachstum in den nächsten Jahren, so beispielsweise während der diesjährigen Fachmesse Learntec in Karlsruhe. (1)

Aber auch die weniger euphorischen Anwender, die vor allem in den Großunternehmen sitzen, zweifeln den Wert dieser Lernmethode nicht mehr an, fordern allerdings mehr Ausrichtung der Online-Kursanbieter an den tatsächlichen Lernzielen eines Unternehmens und stärker pädagogisch orientierte Inhalte.

Nach von Euphorie geprägten Anfangsjahren ist jetzt also erst einmal Ernüchterung in die Personalabteilungen der Unternehmen eingezogen, die das neue Instrumentarium nutzen wollen.
Insbesondere unter dem Kostenspareffekt waren viele Firmen ins Online-Lernen eingestiegen und hatten für ihre Mitarbeiter v.a. CBTs also computerbasierte Trainings auf CD-Rom eingekauft oder maßschneidern lassen.
Der Glanz der neuen "Tools" zeigte freilich bald erste Flecken. Denn nicht als kostensparend, sondern - besonders in der Einstiegsphase - als recht pflege- und damit kostenintensiv erwiesen sich die E-Learning-Investitionen der Unternehmen. (2)

Inzwischen freilich greift die Erkenntnis um sich, dass der Einsatz von E-Learning nicht unbedingt billiger kommt, aber eventuell bessere Lernergebnisse bringen kann. Denn unter bestimmten Voraussetzungen ist das Online-Lernmaterial sehr effektiv einzusetzen, nämlich etwa dann, wenn sich eine große Anzahl von Lernern schnell und auch an weit voneinander entfernten Orten ein bestimmtes Wissen aneignen sollen.

Vermittlung von Spezialwissen und Spezialqualifikationen ist daher zur Zeit ein beliebter E-Learning- Anwendungsbereich. Erfolgreich eingesetzt wurde E-Learning z.B. als die aus Hypo- und Vereinsbank neu entstandene HypoVereinsbank ihre Mitarbeiter über 17 000 Laptops schulte. Auch die Deutsche Bahn plant ihre 24 000 Lokführer auf diese Weise zu schulen. (3)

Reine Computerkurse sind in der Branche allerdings längst passé. Forciert werden jetzt Mischformen aus reinen Computerkursen und den altbekannten Präsenzseminaren, bei denen sich die Teilnehmer live vor Ort kennen lernen - ein blended learning genannter Lernmix. Die Amerikaner propagieren inzwischen sogar "C-Learning", eine noch stärker auf den virtuellen "classroom" basierende Variante.

Die Tutoren als Dreh- und Angelpunkt des E-Learning
Freilich ergab eine Umfrage unter den 350 größten deutschen Unternehmen kürzlich, dass das eingesetzte E-Learning-Material doch bevorzugt "von der Stange" gekauft wird. Allerdings ist dieses auf CD-Rom gebrannte Material auch schnell veraltet.
Branchenprofis legen ihren Kunden daher webbased Trainings (WBTs) wärmstens ans Herz, die jederzeit durch einen betreuenden Tutor auf den neuesten Stand gebracht werden und der Lernzielgruppe angepasst werden können.

Tutoren, also der online "anwesende" Betreuer des Trainings erweist sich inzwischen immer mehr als der Dreh- und Angelpunkt des E-Learning. Denn Menschen wollen nicht an der Maschine lernen, wie einige Kritiker deutlich sagen. (4)

Umgekehrt klagen aber die Anwender, dass sie sich bei vielen Online-Lernangeboten alleingelassen und unzureichend betreut fühlen, außerdem entständen Motivationsprobleme, zeigten Umfrageergebnisse einer anderen Studie, der kürzlich erschienenen Mummert-Studie. In dieser Situation meinen einige Marktbeobachter, dass für E-Learning derzeit nur ein bestimmter Typus Mitarbeiter in Frage komme: Selbstmotiviert, technisch versiert, hartnäckig dabei bleibend. (5)

In dieser Situation sind die Tutoren daher besonders wichtig. Ihre Rolle wird immer mehr als entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg der neuen Lernangebote angesehen.

Von einem guten Tutor wird aber auch immer mehr erwartet.
So meint etwa Beate Haussmann, Chefin des E-Learning-Anbieters ed-lab, dass der Tutor einerseits umfassendes Faktenwissen mitbringen muss, andererseits aber auch soziale, pädagogische und organisatorische Fähigkeiten haben sollte, die den Kursteilnehmern das Lernen erleichtern und sie motivieren. (6)

Fragt man Tutoren selbst, bestätigen sie die besonders lernmotivierende Wirkung der Zusammenarbeit in den virtuellen Klassenräumen und den zugehörigen Chatgroups, so etwa Matti Skor, einer der Tutoren von ed-lab. Er räumte allerdings auch ein, dass zur Zeit selbst bei den für Online-Schulung besonders geeigneten Sprachkursen nach einiger Zeit immer weniger Chat-Teilnehmer dabei sind.

Die Themen
Inhaltlich stark gefragt sind laut einer Befragung der Unternehmensberatung KPMG zur Zeit die sogenannten IT-Standardanwendungen, dann folgen Sprachschulungen, Kurse zu kaufmännischer Kompetenz und Produktschulungen. (7)

Insbesondere für Kundentrainings per E-Learning geben deutsche Unternehmen gern etwas mehr aus, während intern oft weniger aufwändige, aber gut funktionierende Lösungen bevorzugt werden. (8)

Auch im schulischen Bereich ist E-Learning im Kommen. Es gibt hier beispielsweise schulbuchbegleitende oder auch unterrichtsergänzende CBTs, die zum Teil durch Chatgroups unterstützt werden.

Der Arbeitsmarkt: Quereinsteiger sind immer noch gefragt.
Der Multimedia-Arbeitsmarkt insgesamt, mit E-Learning als Teilbereich, ist ein Markt für Spezialisten mit Spezialkompetenzen, der zur Zeit vor allem von Akademikern beherrscht wird.
Etwa 80 Prozent haben eine Hochschule besucht, allerdings nicht selten ohne Abschluss. Die meisten Multimedia-Mitarbeiter, etwa 90 Prozent, arbeiten in den vier Kernbereichen Konzeption, Design, Programmierung und Projektmanagement. Zu den verbleibenden 10 Prozent gehören unter anderem die Content-Verfasser. (9)

Nach den Umfrageergebnissen des neuesten dmmv-Gehaltsspiegel 2002 unter knapp 180 Unternehmen der Branche wünschen sich die Personalabteilungen vor allem Mitarbeiter mit Berufserfahrung und möglichst gut zum Unternehmen passenden Spezialqualifikationen. Vor allem im Bereich Konzeption, Programmierung und Marketing steht das Studium noch auf der Wunschliste. (10)

Darüber hinaus suchen die E-Learning-Anbieter selbst aber auch zunehmend Mitarbeiter, die "Schlüsselqualifikationen" wie Teamfähigkeit, Eigenverantwortung, Kundenorientierung und Kreativität mitbringen. (11)

Geradlinige Karrieren sind in der Branche nach wie vor eher die Ausnahme, Quereinsteiger immer noch gefragt. Gerade "Patchwork-Karrieren" mit Erfahrungen aus den verschiedensten Branchen und Berufen sind keine Seltenheit.
Insbesondere im Tutorenbereich werden bereits gezielt Spezialisten eingesetzt, die ihr Fachwissen für E-Learning-Anwendungen anbieten, aber technisch von versierten Drehbuchautoren, Online-Redakteuren und Administratoren unterstützt werden. Einen solchen Weg geht etwa der Eschborner Bildungsanbieter Webacad.

Während Tutoren sonst öfter eher schlecht bezahlt werden, zahlt Webacad den angeheuerten Fachleuten das für Experten übliche Vortragshonorar. (12)

Zukunftschancen: Das Interesse am E-Learning wächst.
Die derzeitige Krise im E-Learning-Geschäft sehen viele Kommentatoren eher gelassen, beurteilen sie gar als heilsam für das Business, das sich nun mehr auf die Inhalte statt wie bisher auf die Technik konzentrieren solle. (13)

Das grundsätzliche Interesse an E-Learning wächst. Einige Unternehmensberatungen, wie etwa KPMG, wittern hier offenbar Marktchancen und steigen ins Geschäft ein.
Auch die Anwender wollen verstärkt einsteigen: Zwar ergab die Studie des Unternehmensberaters KPMG unter den deutschen Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern, dass zur Zeit nur 46 Prozent dieser Firmen E-Learning einsetzen. Bis 2004 sind aber Verdoppelungen der Etats auf dann 25 Prozent der Budgets geplant.

Aus- und Weiterbildung: Die Angebote müssen genau geprüft werden.
Wer sich auf die Suche nach einem geeigneten Institut für eine umfassende Weiterbildung in Richtung E-Learning begibt, wird zunächst einmal auf den harten Boden finanzieller Tatsachen zurückgeholt. Um 5000 Euro und mehr verlangen viele Ausbildungsinstitute für die komplexe Ausbildung etwa in Richtung "Entwicklerin interaktiver Lernmedien" (Macromedia GmbH, München, Kurs mit FH-Zertifikat) oder als "Dozentin für Neue Medien" (Mediadesign Akademie, München).

Den meisten Teilnehmern wurden diese Ausbildungen bisher vom Arbeitsamt finanziert, wo jetzt aber deutlich mehr Ebbe in den Kassen herrscht. Dadurch sind mangels Teilnehmern bereits Kurse ausgefallen oder die Schulungszentren können nicht garantieren, dass die im Programm angebotenen Kurse auch wirklich stattfinden.

Allerdings gibt es neben Studium oder einer Ausbildung im Betrieb (z.B. als Mediendidaktiker Bild und Ton oder Digital und Print) kaum umfassendere Alternativen, um in diese Bereiche hineinzukommen, es sei denn man springt per Kopfsprung und learning-by-doing in eine solche Aufgabe und bringt sich das Wissen bei der Erarbeitung einer neuen Aufgabe bei.

Auf diese Situation angesprochen, plädierte Lutz Goertz, im Deutschen Multimedia Verband (dmmv) e.V. für E-Learning zuständig, für eine private Finanzierung der Kurse. Unbedingt sollte aber jeder Interessent vorher die Qualität der Angebote prüfen und sich mit den 27 Qualitätskriterien befassen, die der dmmv für diese Weiterbildungsangebote entwickelt habe, so meinte Goertz.
Der dmmv selbst habe bereits etliche Weiterbildungsinstitute nach diesen Kriterien getestet und biete diese Ergebnisse auch ausdrücklich für Nichtmitglieder des Verbands an, erläuterte der Verbandsvertreter. Er verwies jedoch auch auf die hohen Kosten dieser Tests durch unabhängige Gutachter, daher seien von ihnen bisher nur einige Institute getestet worden.

Er empfiehlt daher jedem, der sich für eine kostenaufwändige E-Learning Weiterbildung interessiert und wissen möchte, wie gut ein Institut wirklich ist, sich diese 27 Qualitätskriterien herauszusuchen und selbst nachzufragen.

Zu den wichtigen Kriterien gehört für ihn beispielsweise, ob ein Schulungszentrum Kontakte zu möglichen späteren Arbeitgebern oder Netzwerke knüpfen hilft, um sicher zu stellen, dass diese Ausbildungen, trotz hoher Kosten, wirklich danach einen entscheidenden Mehrwert darstellen.


Quellenangaben
(1) Weiterbildung & Wirtschaft 3/2002 "Hat E-Learning Zukunft?"
(2) Z.B. Computerwoche 4/2002, S. 50f und Dekra - Studie "Klug durch E-Learning?"
(3) Studie der unicmind.com AG "Die Nutzung von eLearning - content in den TOP350 der deutschen Unternehmen", Frühjahr 2002
(4) Z.B. Handbuch E-Learning Online, Statements, www.global-learning.de
(5) Z.B. Handbuch E-Learning Online über www.gobal-learning.de
(6) Z.B. Wirtschaft & Weiterbildung, 11/12,2002, S. 48ff
(7) Studie im Auftrag der KPMG Consulting von November 2001 "eLearning zwischen Euphorie und Ernüchterung - Eine Bestandsaufnahme zu eLearning in deutschen Großunternehmen"
(8) Computerwoche 4/2002, S. 50f
(9) Dokumentation im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie "Karrierewege in der Multimedia - Wirtschaft. Qualifikationsanforderungen und Arbeitsmarktentwicklungen in einer Zukunftsbranche", 1999
(10) dmmv - Gehaltsspiegel 2002, ISBN 3-933269-56-3, Hrsg: Deutscher Multimedia Verband (dmmv) e.V./HighText Verlag
(11) Aus "Karrierewege in der Multimediawirtschaft", Hrsg. BMWI
(12) Wirtschaft & Weiterbildung 11/12,2001, S.51
(13) z.B. W & W 3/2002, S. 18 "Warum E-Learning nicht in die Gänge kommt"
 

Glossar
»   CBT - computer based training
klassische Form des E-Learning, mittels CD-ROM oder Lernvideo / DVD, Diskette, offline, in der Regel statisch und ohne persönliche Betreuung, bevorzugt zum Trainieren sog. "hard skills".
 
» WBT - web based training
Lernanwendungen online via Intranet oder Internet, dynamisch, Wissen und Lerninhalte sind ständig aktualisier- und erweiterbar, Kommunikationsmöglichkeit zwischen Teilnehmern möglich, meist von Tutor betreut, besonders geeignet zum Trainieren sog. "soft skills".
 
» E-Learning
Sammelbegriff für computerunterstütztes Lernen
 
» C-Learning - classroom-learning
konventionelle Klassenzimmer-Situation, ein Lehrer unterrichtet, vor Ort, eine Gruppe von Schülern, Gegenbegriff zu E-Learning
Synonym verwendet: ILT - instructor-led training:
ILT-Kurse können auch im Internet angeboten werden: Live, interaktiv.
 
» blended learning
Sammelbegriff für die Kombination aus E-Learning und Präsenzveranstaltung 
 
» Virtuelles Klassenzimmer
Simulation eines realen Klassenzimmers mit allen technischen Hilfsmitteln. Sammelbegriff für alle synchron oder asynchron verwendeten Kommunikationsmittel wie z.B. E-Mail, Internet-Telefonie, Chats, Diskussionsforen, virtuelle Seminare, Videokonferenzen. Auch als Ersatzbegriff für die Online-Lerngruppe selbst.
 
Linktipps

dmmv - Deutscher Multimedia Verband e.V.
www.dmmv.de


Handbuch E-Learning
online über:
www.global-
learning.de


wirtschaft & weiterbildung
Monatsmagazin zu Personalentwicklung, E-Learning und Weiterbildungsmarkt
www.wirtschaft
undweiterbildung.de


Training aktuell
Informationsdienst für die Weiterbildungsbranche www.training
aktuell.de


HighText iBusiness
Trends+News Neue Medien
www.hightext.de

Autorin
Heike Rudloff-Hilbig
M.A., freiberufliche Journalistin, verheiratet, zwei Kinder. Ausbildung in Bielefeld und München (Studium Kommunikationswissenschaft, Völkerrecht sowie Organisations- und Wirtschaftspsychologie; dazu studienbegleitende Ausbildung und freie Mitarbeit bei der Süddeutschen Zeitung/Freising, Hospitanz beim Bayerischen Rundfunk, PR-Praktika etc.).

Viele Veröffentlichungen, v.a. Tageszeitungsberichte zu verschiedenen Themen, Beiträge in zwei Büchern und Fachzeitschriften zu pädagogischen Themen.

Kontakt: H.Rudloff@web.de