August 2005 > mehr können > Wikimania
 
Wikimania - die Faszination des freien Wissens
von Brigitte Lüdecke
 
"Wiki" ist kein Akronym für WeltweitInternationalKostenlosIrgendwas, sondern tatsächlich ein Eigenname. „Wiki Wiki“ heißt auf hawaianisch „schnell“.

Was ist ein Wiki?
Ein Wiki ist eine Website mit speziellen Funktionen und wird in der Regel von mehreren Personen gemeinsam genutzt. Jeder, auch der zufällige Besucher, kann über den Browser ohne HTML- oder sonstige Internet-Kenntnisse die Inhalte der Webseiten eines Wikis ändern.

Jede Einzelseite hat, in der Regel unten links, einen Button „Edit“. Bei Klick wird die Seite im Editiermodus angezeigt. Der Besucher kann dann Worte löschen, Sätze einfügen, Tippfehler korrigieren oder Inhalte fortschreiben, etc. Mit Klick auf „Save“ werden die Änderungen gespeichert. Wer eine neue Seite einfügen möchte, schreibt im Editiermodus auf eine vorhandene Seite ein so genanntes KamelWort, das vorne und vor allem in der Mitte einen Großbuchstaben hat (englisch: CamelCase, wegen der Großbuchstaben, die wie Kamelbuckel hervorstehen), klickt auf „Save“ und kann feststellen, dass neben dem KamelWort dann ein Fragezeichen mit einem Hyperlink liegt. Bei Klick auf diesen Hyperlink gelangt er auf eine neue leere Seite und kann diese Seite mit Inhalten füllen. Wenn der User das gemacht hat, liegt der Hyperlink auf der neuen Seite auf dem KamelWort.

Zum Rumspielen gibts für Neulinge den „Sandkasten".
Sie sollten das mit dem CamelCase am besten gleich ausprobieren, damit es nicht so abstrakt ist. Gehen Sie zum Beispiel auf die Internetseite Bücher Wiki auf den Menüpunkt TestSeite. Da Sie schon wissen, was ein Kamelwort ist, werden Sie sich schnell zurechtfinden ;-) Nur Mut!

So eine Testseite heißt in vielen anderen Wikis „Sandkasten“. Eine „Sandbox“ ist in der Softwaretechnik ein Bereich, in dem ein Programm getester werden kann, ohne dass es am Rechnersystem etwas schädigen könnte. Auch sonst ist die Wiki-Sprache etwas eigen: Die einzelnen Produkte dieser Softwaregattung haben teilweise sehr lustige Namen wie WakkaWiki, Wikki Tikki Tavi, moinmoin oder doch schlicht phpwiki. Die Sprache sollte aber nicht dazu verleiten, das Potential dieser Anwendung zu unterschätzen.

Warum sind Wikis so erfolgreich?
Trotz der Tatsache, dass ein Wiki leicht kaputt geht, weil JEDER alles ändern kann, ist dauerhafter Schaden im Grunde gar nicht möglich. Jedes Wiki dokumentiert nicht nur Änderungen, sondern archiviert zugleich alle vorhergehenden Fassungen, die über eine Option „wiederherstellen“ leicht aktualisiert werden können. Die beteiligte interessierte Öffentlichkeit bietet eine kritische Qualitätskontrolle, auch bei hoch spezialisierten Themen.

Die bekannte Enzyklopädie www.wikipedia.org ist heute umfangreicher als jedes andere Lexikon. Ein paar Zahlen zum Vergleich:

  • Encyclopaedia Brittanica: mehr als 75.000 Artikel
  • Wikipedia Englisch: mehr als 359.000 Artikel
  • Der deutsche Brockhaus: mehr als 260.000 Artikel
  • Wikipedia Deutsch: 148.359 Artikel
  • Wikipedia alle Sprachen: mehr als 1.000.000 Artikel.

Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ halten Wikis dem Vergleich stand.

Wikis in der Praxis
Es gibt eine ganze Reihe von Hilfen, die den Nutzer oder Administrator unterstützen, Problemfelder im Auge zu behalten. Zum Beispiel kann sich der Nutzer bei Wikipedia über Änderungen an bestimmten Seiten informieren lassen, Beiträge und Bearbeitungen eines bestimmten Nutzers ansehen oder auf einer Art Kommentarseite zum jeweiligen Inhalt geplante Änderungen an einem Text mit anderen diskutieren. Die Selbstorganisation beinhaltet zahlreiche Details und mag für den Szenen-Neuling kompliziert sein.

Tatsächlich kann in einem Wiki jeder publizieren, ohne vorher das Okay einer Redaktion einzuholen. Ähnlich wie bei Weblogs folgen jedoch unweigerlich Rückmeldungen von den Lesern.

Niemand hat den Stress, neutral informieren zu müssen.
Kontroverse Positionen können hier besser abgebildet werden als in jedem „neutralen“ Medium. Das kann auch für die Betroffenen und Beteiligten selbst sehr spannend sein. Was freies Publizieren wirklich bedeutet, wird nach Naturkatastrophen, Terroranschlägen und dergleichen deutlich. Innerhalb weniger Stunden finden sich zum Beispiel in der Wikipedia zum jeweiligen Thema jede Menge Hintergrundinformationen und sehr unterschiedliche Diskussionspartner.

Hat das Nutzen für den betrieblichen Einsatz?
Es gibt viele Einsatzmöglichkeiten innerhalb von Betrieben und Arbeitsgruppen, zum Beispiel wenn es darum geht, einen Entwurf mit
anderen gemeinsam zu verfeinern. Das ist dann einfacher, als sich
Word-Dokumente hin und her zu schicken und +++anschließend die
verschiedenen Versionen zu vergleichen.

Für alle Arten von Demokratie und Meinungsbildungsprozesse sind Wikis effizienter als eine Vielzahl von Sitzungen und Besprechungen, in denen nach und nach eine Einigung erzielt werden soll. Haben Sie auch schon einmal wegen Ermüdung nachgegeben oder sind gegangen?

Warum sollten Sie sich einmischen?
Mit der eigenen Meinung an die Öffentlichkeit zu treten ist ein Risiko und zugleich eine Chance. Das Risiko, das viele fürchten heißt Kritik, Blamage oder Peinlichkeit. Die Chance besteht darin, sich durch Feedback weiterzuentwickeln. Jede Form von Mitarbeit in öffentlichen Foren ist Öffentlichkeitsarbeit für die eigene Sache. Die Auseinandersetzung mit Kritik fördert die eigene Professionalität. Die kritische Beschäftigung mit den Publikationen der Konkurrenz fördert die Kenntnis des Marktes. Lassen Sie sich das nicht entgehen.

Wikimania 2005
Erste internationale Wikimedia Konferenz
Vorträge, Workshops und Tutorials für Newcomer und "alte Hasen"
04.-08. August 2005 in Frankfurt
Programm und Infos
Buchtipp

Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution - Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern.
Verlag Heinz Heise.
November 2004.
ISBN 3-936931-16-X.
EUR 19,00.

Interview mit dem Autor vom 01.05.2005 in Phlow, Magazin für Musik und Netzkultur

Linktipps

Wikipedia - Die Freie Enzyklopädie
in über 100 Sprachen

Erik Möller: Das Wiki-Prinzip. Telepolis-Artikel vom 09.05.2003

Florian Rötzer: Where is the Wikitorial? Telepolis-Artikel vom 21.06.2005
Die Los Angeles Times wollte ein Zeichen setzen und die Leser mit einem Wiki ein Editorial überarbeiten lassen – das Experiment dauerte nicht lange.

PublicWikiForums
Liste öffentlicher Wikis (englisch)

www.wiki.e-politik.de
Wiki zu Politik, Gesellschaft und Politikwissenschaft,
wird gerade überarbeitet, vorhandene Einträge lassen sich aber lesen.
Finden Sie Ihren Wiki-Favoriten über eine Suchmaschine und "Stichwort + Wiki"

Open Source Software Wiki
Übersicht und Vergleich ausgewählter Wiki-Engines

Peanutbutter-Wiki
ein "ganz kleines Wiki", einfach und kostenlos,
für alle, die für die Installation eines "normalen" Wikis keinen geeigneten Webspace und vielleicht auch nicht die erforderlichen Script-Kenntnisse haben

Übersicht über verschiedene Adressen, auf denen Sie Ihr eigenes Wiki betreiben können (englisch)

Autorin
Brigitte Lüdecke
Die IT-Beraterin entdeckte 1998 ihre Leidenschaft für 'social Software', d.h. alle Internet-Anwendungen, die Kommunikation ermöglichen. Sie gibt einen Newsletter zu Informations-Management und Web-Netzwerken heraus, betreibt ein Weblog zum Informations-Management und hat natürlich auch ein Wiki - aber kein öffentliches ;-)

Gründerin von Mediacoaching, das virtuelle Netzwerk für selbständige Frauen, Mitglied der i-worker, aktiv im Usenet

Internet:
www.brigitte-luedecke.de
Kontakt: mail@
brigitte-luedecke.de