August 2004 > mehr können > Zukunftsforscherin
 

Ein Beruf mit Zukunft: Zukunftsforscherin.

Interview von Regina Kogler
 
Christiane Friedemann ist Zukunftsforscherin und Geschäftsführerin des Zukunftsinstituts von Matthias Horx, ein Think-Tank für strategische Zukunftsberatung mit Sitz in Kelkheim bei Frankfurt und in Wien. Das Institut beschäftigt sich mit prognostischen Systemen und der Auswertung von Ergebnissen internationaler Trend- und Zukunftsforschung.

mediella: Die Zukunftsforschung beschreibt den gesellschaftlichen Wandel und die Trends der nächsten fünf, zehn oder 20 Jahre. Als Zukunftsforscherin müssten Sie Ihren Mitmenschen immer um Jahre voraus sein. Das klingt spannend und faszinierend.

Christiane Friedemann: Ja, das ist es auch. Als Zukunftsforscherinnen beschäftigen wir uns mit allem, was neu und innovativ ist. Da herrscht immer frischer Wind. Allerdings gibt es auch die Verpflichtung, das Neueste zu erkennen und verständlich zu erklären.

mediella: Wie lässt sich Zukunft, etwas was es noch gar nicht gibt, vorhersehen?

Christiane Friedemann: Zukunft lässt sich nicht voraussehen, sie muss gestaltet werden, und dafür liefern wir Analysemodelle, Prognosen und Zukunfts-Szenarien. Alles basiert auf der harten tagtäglichen Arbeit der Datengenerierung und -interpretation.

mediella: Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Christiane Friedemann: Sie besteht zunächst aus der Recherche von Daten und Fakten. Einmal erheben wir diese selbst, ein andermal beziehen wir vor allem Erkenntnisse aus anderen Studien und Publikationen ein. Wichtig ist auch, die internationalen Entwicklungslinien gegenwärtig zu haben. Doch das alles nutzt wenig, wenn sich hinter den Daten nicht eine kombinatorische Intelligenz verbirgt, die mit den trockenen Daten sichtbare Zukunftsbilder malt. Wer diese Fähigkeit nicht bringt, hat es als Trendforscher schwer.

mediella: Wie groß ist der Einfluss von Zukunftsinstituten: Ist Ihre Zunft Zukunftsgestalter oder "nur" Zukunftsdenker

Christiane Friedemann: Natürlich sind wir beides. Doch in erster Linie begreifen wir uns als konzipierende Vorausdenker. Trotzdem kommt es immer häufiger vor, dass Unternehmen auch bei ganz konkreten Fragen unseren Rat suchen.

mediella: Matthias Horx beschreibt die Zukunftsforschung als "Panoramakunst". Gibt es eine spezielle Ausbildung oder einen typischen Karriereweg zur Zukunftsforscherin?

Christiane Friedemann: Matthias Horx hat recht, es gibt keine Via Reggio zur Zukunftsforschung. Wir sind die Spezialisten fürs Allgemeine. Zentral wichtig sind Neugierde und Ausdrucksfähigkeit. Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Mitarbeiter im Lauf der Zeit den Spagat zwischen Ökonomischem und Kulturell-Politologischem meistern.

mediella: Welche Voraussetzungen sind notwendig, um in diesem Beruf erfolgreich zu sein?

Christiane Friedemann: Wie gesagt: Kombinatorische Intelligenz, Interesse an Zusammenhängen, ein Blick für das Nicht-Offensichtliche, für die Signifikanz von Details und die Bedeutung des großen Ganzen in einem.

mediella: Bieten Sie in Ihrem Unternehmen Praktikumsstellen an? Wer kann sich bei Ihnen bewerben?

Christiane Friedemann: Wir bieten regelmäßig Praktikumsstellen an. Bis zum nächsten Jahr sind allerdings keine mehr frei. Wegweisend für unseren Weg in die "Gesellschaft der Reife": Zuletzt haben sich mehrere Kandidatinnen als Praktikantinnen beworben, die jenseits der 35 Jahre sind. Gerade in unserer Branche ist Erfahrung wichtig.

mediella: Ein sympathischer Trend. Hoffentlich wird er von vielen Unternehmen entsprechend erkannt und aufgegriffen. Herzlichen Dank.

Christiane Friedemann

Geschäftsführerin des Zukunftsinstituts von Matthias Horx
Mit-Autorin der Studie "Future Living - Lebensstile und Stilgruppen im Wandel", 2002.
Sie hat zwei Kinder und lebt in Liederbach bei Frankfurt.

Zukunftsinstitut GmbH
Sitz in Kehlkheim/Frankfurt und Wien
monatlicher Zukunftsletter, Hrsg.: Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG
E-Mail: Info@zukunftsinstitut.de
Internet: www.zukunftsinstitut.de
mit einer Übersicht über die Zukunftsstudien des Instituts, darunter zum Beispiel:
»   Giger, Andreas (2002): Megatrend Reife
Eine These daraus: „Der War for Talents wird abgelöst durch den War for Experience.“
» Heitmann, Matthias (2003): Handbuch Trend- und Zukunftsforschung. Eine Branche stellt sich vor.
Definitionen :

(Quelle: www.zukunftsinstitut.de)
Trendforschung ist die Analyse, Dokumentation und Erklärung von Veränderungsprozessen in Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie. Ziel: Marktentwicklungen früher erkennen; wichtig für die Entwicklung von Innovationen und (Re-)Positionierung von Produkten.

Zukunftsforschung ist die Darstellung und Erfassung möglicher Zukünfte. Wichtigstes Analyseinstrument ist die Szenario-Technik. Ziel: Aufzeigen neuer Wachstums-Chancen, aber auch von Risikopotentialen; wichtig zur strategischen (Neu-)Ausrichtung von Unternehmen.

Autorin/Interview
Interview Juli 2004
Regina.Kogler

E-Mail: Regina.Kogler
@mediella.de