August 2003 > mehr netzwerken > Sich durchsetzen
 
Sich durchsetzen mit Gelassenheit – Buchvorstellung im Selbstversuch
Von Birgit Beichter
 

Eigentlich bin ich ein heiterer Mensch und meinen Mitmenschen gegenüber aufgeschlossen. Es gibt jedoch Situationen, in denen ich an meine Grenzen stoße. Neulich an der Supermarktkasse war es soweit. Sprachlos lies ich es geschehen: Eine Mutter mit nörgelndem Kind schob meinen Wagen zur Seite und drängelte sich vor. Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, war sie schon auf und davon.

Da muss ich etwas ändern. Ab in den nächsten Buchladen, Abteilung Psycho-Ratgeber. Mein Blick streift die Regale und bleibt an einem Titel hängen: „Die etwas gelassenere Art sich durchzusetzen – ein Selbstbehauptungstraining für Frauen“. Die Hamburger Autorin Barbara Berckhan verspricht Selbstbehauptungsstrategien, wie gelassen Nein sagen, die selbstsichere Körpersprache oder den adäquaten Umgang mit Kritik an Beispielen zu erklären. Klingt gut; ich eile zur Kasse und nach Hause auf die Couch.

Das erste Durchblättern überrascht mich positiv. Die Themen sind übersichtlich strukturiert und in den beschriebenen Alltagssituationen erkenne ich mich selbst schmunzelnd wieder. Zu jedem Kapitel gibt es praktische Anregungen und Tipps in kleinen Schritten etwas zu verändern.

Tipp 1: Selbstliebe ist der erste Schritt zur Gelassenheit.
Das kleine Teufelchen im Nacken, genannt die innere Kritikerin kenne ich gut. Bei jeder Gelegenheit stichelt es mit seiner Gabel. Unaufmerksamkeiten meiner Mitmenschen, Verhalten von Kolleginnen oder Chefin werden so leicht zum persönlichen Angriff. Das Teufelchen schüttele ich ab, indem ich eigene Schwächen genauso akzeptiere, wie meine Stärken. So kann ich innerlich auf Distanz gehen und sachlich mit den Anwürfen oder dem unpassenden Verhalten der Mitmenschen umgehen.

Tipp 2: Anleitung zur Muthaltung.
Selbstsicherheit äußert sich nicht nur in Worten, sie zeigt sich vor allem durch die Körpersprache. Der Ratgeber empfiehlt den Aufbau einer Muthaltung, die im stillen Kämmerlein geübt wird und bei passender Gelegenheit schnell eingesetzt werden kann.
Ich stelle mich vor den Spiegel und versetze mich in eine schwierige Situation, die ich erfolgreich gemeistert habe. Dann genieße ich wieder das Gefühl der Stärke. Meine Haltung wird aufrechter, der Atem fließt ruhig und meine Muskeln sind fest, aber nicht verkrampft. Ich nehme eine Haltung ein, die für mich Stärke, Mut und Zuversicht ausdrückt. Ein Blick in den Spiegel, ein zufriedenes Lächeln, das präge ich mir wie ein inneres Foto ein.
Abends beim Italiener probiere ich meine Muthaltung aus. Aufrecht betrete ich den Raum, schenke den Kellnern ein Lächeln und gehe langsam zum Tisch. Ob es jemand gemerkt hat? Mein Mann macht mir ein Kompliment, obwohl ich nur Jeans und T-Shirt trage.

Tipp 3: Gelassen Nein sagen
Mit dem „Nein“ habe ich meine Schwierigkeiten. Es kommt mir schwer über die Lippen und oft suche ich nach guten Gründen um es zu rechtfertigen. Das kleine Teufelchen flüstert mir ins Ohr: „Vorsicht, wenn du nein sagst riskierst du Liebesverlust.“
Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein halbes Nein oft nicht als solches verstanden oder ignoriert wird. Was empfiehlt Barbara Berckhan, damit mein Nein von anderen akzeptiert wird?

  • Nein sagen in einem Tonfall genauso, wie wenn ich jemanden die Urzeit nenne.

  • Freundlich aber bestimmt dabei bleiben, wenn mein Gegenüber das Nein nicht gleich akzeptiert.

  • Eine kurze Begründung ohne Entschuldigung untermauert das Nein.

  • Beharrlichkeit in Form von Wiederholung führt zur Akzeptanz des Nein, ohne dass die Begründung akzeptiert werden muss.
Bin ich mir noch unsicher, hilft eine Bedenkzeit.

Tipp 4: Gelassen Kontra geben:
Schlagfertigkeit, ein weiterer wunder Punkt. Im Supermarkt bleibe ich sprachlos. Später ärgere ich mich und werfe meinem Gegenüber im Geiste einige passende Bemerkungen an den Kopf. Der Ratgeber empfiehlt die Strategie des „Angriffs Judo“. Prinzip ist das Umlenken der Energie eines verbalen Angriffs, ähnlich wie im Judo. So läuft der Angriff ins Leere. In der Praxis funktioniert das durch verschiedene „Judogriffe“.

  • die blöde Bemerkung direkt ansprechen. „Wie war das eben gemeint?“ oder „Warum sagen Sie mir das gerade jetzt?“

  • Die Ablenkung durch eine unpassende Antwort. Ich gehe nicht auf die Bemerkung ein, sondern rede einfach über das Wetter.

  • Das unpassende Sprichwort. Ich reagiere auf eine Stichelei mit einem Spruch, der nicht zu dem Angriff passt. Zum Beispiel: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Danach schaue ich meinen Gesprächspartner nachdenklich an.

  • Das überraschende Kompliment. Ich kontere, indem ich etwas Nettes sage, wie zum Beispiel: „Ich mag Ihre Witze“.

Nicht alle Bemerkungen sind es wert beantwortet zu werden. Humor und Gelassenheit hören da auf, wo Grenzen überschritten werden und die eigene Würde angegriffen wird. Der passende Umgang mit der eignen Wut ist ein weiterer Baustein zu mehr Selbstsicherheit.

Fazit: Nach der Lektüre des Buches strotze ich nicht vor Selbstsicherheit. Profitieren kann ich von vielen Anregungen und kleine Hilfen für den Alltag. Und ich genieße jeden Triumph über die innere Kritikerin. Das nächste Mal im Supermarkt werde ich meine Muthaltung einnehmen und mich im Raum breit machen. Vielleicht fällt mir sogar ein passender Spruch ein.


Buchtipp
Barbara Berckhan:
Die etwas gelassenere Art sich durchzusetzen. Ein Selbstbehauptungstraining für Frauen. Heyne, 2003.
Autorin
Birgit Beichter
Kontakt: birgit.beichter@ mediella.de