August 2003 > mehr können > Führungspositionen
 
Mehr Frauen in Führungspositionen
Interview mit Sibylle Peters
Von Regina Kogler im Juli 2003
 
mediella: Mentoringprojekte an Schulen, Hochschulen, in Betrieben ... es gibt unzählige Förderprogramme für Frauen. Trotzdem sind zu wenig Frauen in qualifizierten Fach- und Führungspositionen zu finden.
Als Professorin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg beschäftigen Sie sich beruflich mit dem Thema Frauen im Management.
Sind wir zu ungeduldig? Müssen wir einfach nur auf die nachwachsenden selbstbewussten und karrierewilligen Frauengenerationen warten?

Sibylle Peters: Ungeduldig: Ja. Aber mit Warten allein verändert sich nichts. Es sind verschiedene Phasen, die auf dem Weg in Führungspositionen wichtig sind.
Mentoring hat sich dabei als eine sehr erfolgreiche Strategie erwiesen. Die jungen Frauen und Unternehmen können ihre Zusammenarbeit unter offenen Bedingungen intensivieren. Die Entscheidungen selbst fallen ja nicht in dieser Phase. Das entlastet die Präventivmaßnahme Mentoring.
Genau genommen sind diejenigen Frauen in der Pflicht, sich um den jüngeren Nachwuchs zu kümmern, die in Führungspositionen sitzen. Aber das sind alles freiwillige Arrangements.


mediella: Wann kommt der Ansturm der Topmanagerinnen?

Sibylle Peters: Die Frauen werden erst dann ein uneingeschränktes Interesse an Führungspositionen haben, wenn sie sich und ihre Lebensvorstellungen in den Organisationsregeln wiederfinden. Dazu müssen aber erst etliche in den Organisationen verankert sein. Von „außen“ kann man Organisationskulturen nicht verändern.
Einen Ansturm wird es nicht geben, denn Frausein erlaubt es, immer mehrere Optionen leben zu können.


mediella: Wollen Frauen gar nicht an die Macht?

Sibylle Peters: Sicher wollen nicht ALLE Frauen an die Macht - genauso wie nicht alle Männer Machtpositionen anstreben.
Es ist wichtig, dass diejenigen Frauen unterstützt werden, die Führungspositionen erreichen möchten und die dazu notwendigen Voraussetzungen mitbringen. Wie diese Förderung aussehen kann, zeigt beispielsweise der Deutsche Juristinnenbund.


mediella: Welche Eigenschaften sind notwendig, um eine erfolgreiche Führungskraft zu sein? Welche Rolle spielen die Soft Skills, die als typisch weibliche Stärken gelten. Wirken sie sich eher hemmend auf die Karriere aus?

Sibylle Peters: An den Eigenschaften liegt es bestimmt nicht. Anforderungen an Führungskräfte sind organisationspolitisch eben Anforderungen, die zu erfüllen sind, unabhängig davon, ob die Person männlich oder weiblich ist.
Die Mitglieder einer Organisation sind über andere Merkmale als Soft Skills in die Organisation gekommen und kommunizieren auch andere. In dem Moment, wenn Soft Skills von den Mitgliedern akzeptiert werden und diese sich in Organisationsregeln niederschlagen, dürften Frauen eher Chancen haben, hineingelassen zu werden.


mediella: Vitamin B gilt immer noch als der effektivste Karrierekick. Bleiben männliche Führungskräfte lieber unter sich? Ist das eine "Organisationsregel", die Frauen am stärksten ausbremst?

Sibylle Peters: Es wird derjenige in den Kreis gewählt, der hinein passt, von dem man weiß, was er gemacht und wie er sich in ähnlich strukturierten Kontexten verhalten hat. Das gibt Sicherheit und Kontinuität. Genau darüber weiß man bei Frauen nichts, also gibt es keinen Grund, waghalsige Experimente zu machen. Außer, man weiß im Einzelfall etwas über diese Frau und kann einschätzen, wie sie sich im Organisationsgefüge eingegliedert hat.


mediella: Inwieweit kann oder muss der Staat eingreifen? Brauchen wir zum Beispiel ein Gleichstellungsgesetz für Betriebe?

Sibylle Peters: Alle Innovationen brauchen top-down-Strategien, die eng mit bottom-up-Strategien verknüpft sind. Nur so können Routinen aufgebrochen werden. Gesetze als reine top-down-Maßnahmen sind keine Lösung. Aber Diskussionen über mögliche Gesetze, wie es sie Anfang des Jahres gab, können durchaus Änderungen anschieben.


mediella: Was raten Sie karrierewilligen jungen Frauen für ihre berufliche Planung?

Sibylle Peters: Der Begriff Karriere hat sich völlig gewandelt. Heute heißt Karriere nur Veränderung, Bewegung, Flexibilität. Das Ziel ist nicht unbedingt die Top-Spitze. Der Weg ist die Karriere. Alles ist offen.
Ich rate jungen Frauen, regelmäßig und nicht nur an beruflichen Wendepunkten, die eigene Situation zu reflektieren: "Was will ich?" "Ist mein augenblicklicher Weg noch stimmig?" "Komme ich meinem Ziel näher?"
Eigene Netzwerke zu finden und sich ganz selbstverständlich in ihnen zu bewegen, ist sehr wichtig. Das macht sensibel für das Machbare, das Vernünftige und das Sinnvolle.

mediella: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Sibylle Peters
Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften
der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
IBBP - Institut für Berufs- und Betriebspädagogik
In ihren Forschungsprojekten beschäftigt sie sich u.a. mit Mentoring sowie Chancen und Hürden von StudentInnen auf dem Weg ins Berufsleben.

Internet: www.uni-magdeburg.de
E-Mail: sibylle.peters@
gse-w.uni-magdeburg.de
Projekte und Veröffentlichungen
Infos auf der Website der Uni Magdeburg

Mentoring-Modellprojekt für KMU "Frauen ins Management in Sachsen-Anhalt"

seit 1999 Ringvorlesungsreihe "Frauen im Management"

Sibylle Peters (Hrsg):

»   Frauen und Männer im Management. Diversity in Diskurs und Praxis.
2. Aufl. 2002, Gabler Verlag, ISBN 3-409-21638-9

 
» Reihe Arbeitsberichte des IBBP, Themen: u.a. Frauen im/ins Management, Frauenförderung, Mentoring, ISSN 1437-8493 .
 
Linktipps

Mentoring: Ein Konzept mit Zukunft? in mediella 07.03

Münchner Cross-Mentoring-Programm
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Autorin

Regina Kogler
Kontakt: regina.kogler@ mediella.de