August 2003 > mehr wissen > Barrierefreies Webdesign
 
Barrierefreies Webdesign
Von Florence Maurice
 
"Die Site, die du da online gestellt hast, ist echt schick," sagte mir eine Freundin. "Die Schrift aber ist schon recht klein, Jan könnte sie beispielsweise nicht lesen." Natürlich war mir aufgefallen, dass Jan eine starke Brille trug, also kurzsichtig war. Dass er aber meine Site überhaupt nicht mehr lesen konnte? Wie denn das? "Und wie ist das mit den anderen Seiten im Internet," wollte ich wissen. "Na ja," bekam ich zur Antwort, "wenn er surft, dann hofft er halt immer, dass sich die Schrift groß stellen lässt. Dann stellt er sie auf die größte Stufe und dann geht das einigermaßen. Seiten mit Standardschriftgröße, die sich nicht verändern lassen, kann er nicht lesen."

Die "Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung" – wie sie offiziell heißt - basiert auf einer Initiative des World Wide Web-Konsortiums aus dem Jahre 1999 und schreibt vor, dass ab ihrem Inkrafttreten alle Webseiten der öffentlichen Hand auch für Menschen mit Behinderung zugänglich sein müssen. Alle bereits bestehenden öffentlichen Angebote müssen – wenn sie sich direkt an Behinderte richten - bis Dezember 2003 und alle anderen bis Dezember 2005 barrierefrei gestaltet sein. "Barrierefreiheit im Internet" war auch das Thema des Vortrags von Christian Haak, veranstaltet von dem FIWM in München am 24. Juli.

Worum geht es bei der "Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung"? Sie soll dafür sorgen, dass auch Menschen mit beispielsweise eingeschränktem Sehvermögen oder motorischen Behinderungen Webangebote nutzen können. Menschen mit Behinderungen nutzen das Internet überdurchschnittlich viel, da sie teilweise ja in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Damit sind sie gerade auch eine attraktive Zielgruppe für E-Commerce, die man nicht aussperren sollte.

Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen stellen sich entweder die Schrift von Seiten größer oder verwenden ein Programm, das ihnen die Texte vorliest. Menschen mit motorischen Problemen kommen eher mit der Tastatur zurecht als mit der Maus, können aber wiederum Schwierigkeiten haben, mehrere Tasten gleichzeitig zu klicken.

Was bedeutet das für die Gestaltung einer Webseite? Um diese Frage zu beantworten, hilft es sich zu vergegenwärtigen, wie Sehende eine Seite wahrnehmen: Erst einmal verschafft man sich einen Überblick und dann wählt man die Punkte, die einen interessieren, überfliegt sie oder liest ausgewählte Textabsätze. Diesen Über"blick" können sich Blinde nicht verschaffen, die Texte werden alle von oben bis unten vorgelesen; wir können Dinge gleichzeitig sehen und uns daran orientieren, für Blinde präsentiert sich alles in einer reinen Linearität. Wenn man darüber nachdenkt, wird klar, dass Texte anders aufgebaut und strukturiert sein müssen.

Hier ein paar Beispiele für barrierefreie Gestaltung aus technischer Sicht:

  • Für die Gestaltung konsequent CSS einsetzen: HTML dient dazu, Inhalte zu strukturieren und ist nicht für das Layout zuständig – dafür gibt es CSS.

  • Alternativen anbieten: Neben der Grafik, dem Video, dem Audiofile oder dem Flash-Film muss auch ein erklärender Text geboten werden.

  • Mit proportionalen anstelle von absoluten Werten arbeiten: Gibt man eine proportionale Schriftgröße an, können Sehbehinderte die Schrift an die benötigte Größe anpassen.

  • Vorsicht bei der Farbwahl: Vergessen Sie nicht, dass viele Männer rot-grün-blind sind, und andere Surfer Farben gar nicht wahrnehmen können.

  • Orientierungshilfen: Verwenden Sie zusätzliche Attribute oder Elemente, die – für andere Surfer unsichtbar – die Inhalte besser strukturieren und helfen zu verstehen. Das ist beispielsweise wichtig bei komplexen Datentabellen, die nicht nachvollziehbar sind, wenn sie rein chronologisch vorgelesen werden und man die Spaltenüberschrift nicht "vor Augen" hat.

  • No animations: Setzen Sie keine Animationen oder blinkende Textteile ein, da diese epileptische Anfälle auslösen können oder Menschen mit Konzentrationsschwäche ablenken.

Wie lässt sich eine Seite auf Barrierefreiheit testen? Es gibt viele Online-Programme, die Sie dabei unterstützen:

  • Zuallererst ist immer der Validator des W3-Konsortiums zu empfehlen, der HTML, XHTML und auch CSS checken kann.

  • Wie sich eine Seite rein im Textmodus präsentiert, können Sie mit Lynx, einem reinen Textbrowser ansehen oder sich online zeigen lassen.

  • Mit Bobby lässt sich die programmiertechnische Seite testen. Die Anforderungen an barrierefreies Webdesign werden in verschiedene Prioritäten geteilt und nur wenn in keiner der drei Kategorien etwas zu beanstanden ist, erhalten Sie "triple A" und das Accessibility-Label.

Vollständig wird aber kein Programm eine Seite auf Barrierefreiheit testen können, denn ob ein Text auch vorgelesen verständlich ist oder die Linktexte aussagekräftig sind, kann nur ein Mensch entscheiden.

Insgesamt ist Barrierefreiheit ein wichtiges Thema, an dem man dran bleiben sollte. Eine Site ganz barrierefrei zu gestalten, ist aber sicherlich keine einfache Aufgabe. Teile der Bestimmungen sind sogar widersprüchlich. Sofern die Site nicht für die öffentliche Hand bestimmt ist, hat man ja noch die Wahl, was man tut. Auf jeden Fall ist es ein wichtiges Ziel, die eigenen Seiten zumindest "barriereärmer" zu machen. Davon profitieren übrigens nicht nur Behinderte: So viel wie möglich über CSS zu realisieren, macht die Website schlanker, d.h. schneller zu laden und reduziert den Traffic. Verständliche, klare Texte und aussagekräftige Linkbeschriftungen freuen alle. Und Alternativen zu Flash und PDF sind auch im allgemeinen Interesse in Zeiten, wo zum Thema Flash den meisten wohl erst einmal "Skip intro" einfällt.


Testprogramme

Bobby
Textbrowser Lynx online
Validator des W3C

 
Information über barrierefreies Webdesign

www.einfach-fuer-alle.de
www.webaccessibility.de
www.w3.org./wai/
www.wob11.de
Ein Internet für alle – Artikel bei den Webgrrls
Tipps zur "barriereärmeren" Webgestaltung

 
Beispiele für barrierefreie Seiten

www.stern.de
www.versorgungs-
verwaltung-baden-
wuerttemberg.de

www.sgb-ix-umsetzen.de

 
Autorin
Florence Maurice
Kontakt: florence.maurice@ mediella.de