August 2002 > mehr netzwerken > webgrrls.de
 
Erfolgreiche Netzwerke: webgrrls.de
Interview geführt von Regina Kogler
 
Karin Maria Schertler brachte vor 5 Jahren die Idee der webgrrls aus New York nach Deutschland: Mit Gleichgesinnten gründete sie im August 1997 den Verein webgrrls.de.
Im Juli 2002 führte mediella mit ihr ein Gespräch über Networking und die beruflichen Chancen von Frauen im IT-Bereich und in den Neuen Medien generell.

mediella: Hallo Karin. In Deiner beruflichen Zeit 1995/1996 in New York hast Du die amerikanischen webgrrls kennen gelernt. Im August 1997 hast Du die Idee nach Deutschland gebracht und damit genau den Nerv der Zeit getroffen und eine richtige Bewegung ausgelöst.
Nach kurzer Zeit waren einige Tausend Networkerinnen in den verschiedenen, damals kostenlosen Diskussionslisten zu Job, Business oder Webentwicklung eingetragen. Auch vor Ort hatten sich webgrrls zu beruflichen Gruppen zusammengefunden, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Workshops und Vorträge zu organisieren. Solche Gruppen existieren auch heute noch, zum Beispiel in München die bayrische Regiogruppe. Wie wichtig ist für Dich heute Networking, respektive virtuelles Networking?

Karin Schertler: Networking ist elementar wichtig, um seine Ziele und Visionen realisieren zu können. Jeder braucht Leute mit unterschiedlichem Know-How und unterschiedlichen Kontakten - in Eigenregie ist heutzutage nichts zu schaffen.
Das bezieht sich auf Networking innerhalb des eigenen Unternehmens, innerhalb der Branche, und über die Branchengrenzen hinweg mit Gleichgesinnten. Bei letzterem denke ich zum Beispiel an EWMD, European Women's Management Development Network, ein internationales Netzwerk für die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern.
Virtuelles Networking hat insofern seine Stärken, weil dadurch die Kontaktaufnahme und auch die Kontaktpflege wesentlich vereinfacht wird. Kontakte und E-Mails lassen sich leicht archivieren, so dass man gut auf Informationen zurückgreifen kann. Das hat natürlich aber auch den Nachteil, dass es leicht inflationär wird und eine Kontaktaufnahme via E-Mail schnell wieder ignoriert wird.
Virtuelles Networking hat sehr wohl seinen Platz. Alleiniges virtuelles Networking ist aus meiner Sicht aber nicht das Wahre. Auf den richtigen Mix kommt es an.
Um Kontakte zu vertiefen, braucht es ganz klar reale Kontakte. Diese besitzen mehr Verbindlichkeit. Außerdem ist die Face-to-Face-Kontaktpflege wichtig, um Vertrauen aufzubauen und das wichtige Bauchgefühl zu einer Person entwickeln zu können.

mediella: Die oft hitzigen Diskussionen in Frauen-Mailinglisten zeigen, dass es mit dem virtuellen Umgang miteinander oft gar nicht so einfach ist.
Was bedeutet für Dich ERFOLGREICHES virtuelles Networking? Wo liegen die Grenzen?

Karin Schertler: Erfolgreiches virtuelles Networking muss gelernt sein. Wichtig sind für mich die folgenden drei Regeln:

  1. Lasse Dich zu keiner Spontanreaktionen hinreißen.
    Bevor eine wichtige Stellungnahme geschrieben wird, ist es besser zweimal tief durchzuatmen oder einmal um den Block zu laufen.
  2. Lese den eigenen Beitrag vorm Abschicken noch einmal aus der Sicht des Empfängers durch.
    Ist es für den Empfänger verständlich? Man darf nicht vergessen, der Empfänger kann nur das geschriebene Wort, aber keine Mimik, Intonation mitbekommen. Eventuell wird jedes Wort auf die Waagschale gelegt. So entstehen leicht Missverständnisse.
  3. Konzentriere Dich auf das Wesentliche.
    Alles was mehr als 10 Zeilen benötigt, sollte telefonisch oder in Meetings geklärt werden.
Die Grenzen von virtuellem Networking sind damit indirekt schon genannt. Für den Austausch von Fakten, für Terminvereinbarungen, für die Klärung von organisatorischen Dingen ist das E-Mail sehr gut einzusetzen. Für Grundsatzdiskussionen und zum Vertiefen von Kontakten sollte man auf ein reales Treffen oder auf das Telefonat ausweichen.
Virtuelle Kommunikation ersetzt keine reale Kommunikation und auch nicht die bisherigen Kommunikationswege. Virtuelle Kommunikation ist aber eine optimale Ergänzung.

mediella: Beruflich bist Du Geschäftsführerin bei der E-Consumer-Agentur "die argonauten" in München. Eine Teilnehmerin beim diesjährigen girlsday, einem beruflichen Orientierungstag für 13 bis 15-jährige Schülerinnen, hat mir erzählt, dass Ihr ein tolles Programm für Schülerinnen zusammengestellt hattet. Unter anderem hattet Ihr zwei Berufswege im Multimediabereich vorgestellt: Screen-Designerin und Projektmanagerin für interaktive Projekte.
Junge Frauen können sich nur sehr zögerlich für Berufe im IT-Bereich und generell den Bereich der Neuen Medien begeistern. Wie erklärst Du Dir, dass Mädchen immer noch einen großen Respekt vor allem Technischen haben?

Karin Schertler: Es ist weniger Respekt, sondern ganz einfach Unkenntnis. Es gibt zwei banale Erklärungen:

  1. Es fehlt einfach an Erfahrungswerten. Jede wählt als Berufswunsch das, was sie kennt, was ihr vorgestellt und schmackhaft gemacht wird. Und das sind eben keine technischen Berufe.
  2. Über Technik wird immer noch zu viel mit einer Art Ehrfurcht gesprochen. Dabei ist sie einfach nur Mittel zum Zweck.
    Die Stärke von Frauen liegt u.a. darin nutzenorientiert zu denken und pragmatischer an die Dinge ranzugehen. Ich behaupte: Wenn es mehr Technikerinnen in der konzeptionellen Entwicklung geben würde, wären viele Produkte wesentlich einfacher zu bedienen.
mediella: Fehlt es an Frauen als Vorbilder?

Karin Schertler: Ja und nein. Mit Vorbildern wäre es auf alle Fälle leichter. Aber die Realität lässt sich nicht ändern. Es geht auch ohne Vorbilder. Wichtig ist es, Eigeninitiative zu zeigen. Ich muss meinen eigenen Weg gehen. Dies kann durch Eltern und Lehrer forciert werden, indem diese gezielt Kontakt zu Menschen mit interessanten Berufsbildern aufbauen, damit junge Frauen in der Berufsfindungsphase einen Blick hinter die Kulissen werfen können.

mediella: Bei Fach-Veranstaltungen fällt immer wieder der geringe Frauenanteil unter den Referenten auf. Sind Frauen zu bescheiden, um als Expertinnen aufzutreten oder gibt es wirklich so wenige unter ihnen?

Karin Schertler: Wenn man pauschal urteilen will, sind Frauen im Vergleich zu Männern sicher die schlechteren Selbstdarsteller. Um einen Vortrag gut zu halten, muss es Spaß machen, vor einem Publikum zu sprechen.
Für alle Frauen, die hier Vorbehalte oder Ängste hegen, ein Tipp: Mit etwas Übung stellt sich dieser Spaß schnell von selbst ein. Ich möchte allen Frauen empfehlen, Vorträge zu halten. Vorträge halten ist für mich eine Form von Networking, ein Tool im eigenen Networking-Baukasten. Jede kann dies auch strategisch üben. Es muss ja nicht gleich die komplizierteste Thematik und der allergrößte Kongress sein. Die Regiogruppen der webgrrls sind als Übungsfelder dafür prädestiniert. Das Publikum ist der Referentin wohlgesonnen und gute Freundinnen können konstruktives Feedback zum Beispiel zum Vortragsstil, zur Verständlichkeit und Lautstärke geben.

mediella: Was müsste Deiner Meinung nach geschehen, damit die Position der Frau im Bereich Neue Medien entscheidend gestärkt wird und mehr junge Frauen sich beruflich für diese Branche interessieren?

Karin Schertler: Vorträge, Lehrveranstaltungen sind nicht wirklich motivierend. Der Bauch und nicht der Kopf muss angesprochen werden. Wichtig ist ein spielerisches Lernen. Der Umgang mit Technik muss Spaß machen.
Schnupperpraktika, Veranstaltungen wie der girlsday sind eine gute Möglichkeit, Berufsbilder aufzuzeigen. Ich kann mir auch Ferien-Technik-Camps gut vorstellen. Wie Sprachaustauschkurse könnten die im Austausch mit anderen Schulen, an der eigenen Schule durchgeführt werden. Auch die Frauencomputerschule könnte so etwas anbieten.
Beim Erstellen einer Website, zum Beispiel, kann von Mädchen erfahren werden, dass Technik auch eine konzeptionelle und gestalterische Seite hat und Website-Bauen nicht nur aus Programmieren besteht. Und nichts mit Hokuspokus zu tun hat.
Wichtig ist hier sicher auch ein weiterer Punkt: Keine Koedukation in diesem Bereich. Wenn Mädchen unter sich sind, können sie unbeschwerter lernen und ihre eigenen Erfahrungen machen. Alle dummen Sprüche der Jungs reduzieren ein mögliches Interesse bei den Mädchen.

mediella: : Ja, das ist ein interessantes Thema. In den nächsten Ausgaben von mediella werden wir dies sicher noch einmal aufgreifen. Ich möchte mich für das Gespräch herzlich bei Dir bedanken.

Weiter
zum Interview mit Annette Höldrich, webgrrls.de München
zu "We are community" Teil 1: Wie virtuelle Communities entstehen.
 

Karin Maria Schertler,
geb. 1968 in London, verheiratet. Europäisches Betriebswirtschaftsstudium Münster / HULL, GB. Dipl. Betriebswirtin und BA (Hons) European Business Studies.

Diverse Stationen im Bereich Marketing & Vertrieb in der Verlagsbranche (BURDA Medien / ELLE Gruppe - München; US-Tageszeitung NEWSDAY - New York). Zuletzt verantwortlich als Mitglied der Marketingleitung Electronic Publishing für den Aufbau des Online-Anzeigenvertriebs.

1997 Branchenwechsel: Start bei der E-Consumer-Agentur "die argonauten" (Mitgesellschafter Grey Global Group). Seit Oktober 2001 Geschäftsführerin "die argonauten Markenkommunikation" - Agentur für vernetzte Markenführung.
In dieser Position ist sie verantwortlich für die Konzeption und Umsetzung von integrierten on- und offline Kommunikationsstrategien und berät Kunden aus der New- und Old Economy.

1997 ehrenamtliche Gründung der deutschen Dependance des weltweiten Netzwerkes "webgrrls" - das Business-Netzwerk für Frauen in den Neuen Medien. Bis Ende 2000 Vorstandsvorsitzende von webgrrls.de e.V. mit über 10.000 registrierten Mitgliedern.

Co-Autorin der deutschsprachigen Ausgabe "Cybergrrl - der Internet-Guide für Frauen". (erste Auflage 1998. Neuauflage 2000)

Kontakt:
Karin Maria Schertler
Mitglied der Geschäftsleitung
die argonauten MARKENKOMMUNIKATION
agentur für vernetzte Markenführung
osterwaldstr. 10
80805 münchen
tel: 089-36 81 59 300
fax:089-36 81 59 399
email: k.schertler@ argonauten.de
internet: www.argonauten.de

Autorin/Interview
Regina Kogler
Kontakt: regina.kogler@ mediella.de