August 2002 > mehr netzwerken > Virtuelle Netzwerke
 
"We are community" - Teil 1:
Von der Netzgemeinde zur Netzgemeinschaft - wie virtuelle Communities entstehen
Von Birgit Beichter
 
Das Bedürfnis nach Gemeinschaft
Das Konzept von Gemeinschaft ist so alt wie die Menschheit. War in grauer Vorzeit die Sicherung des Überlebens nur in der Gemeinschaft möglich, so ist heute das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Rückhalt in einer pluralistischen Gesellschaft mit menschlicher Vereinzelung der Grund für unseren Herdentrieb. Da bietet sich die virtuelle Gemeinschaft als Ort zwischenmenschlicher Verbundenheit mit individueller Entfaltung geradezu ideal an.
Der Cyberspace ermöglicht viele Formen der Kommunikation und Interaktion ohne lästige Anwesenheitspflicht, dörfliche Enge oder Uniformitätszwang realer Gemeinschaften. Ein Klick bringt uns hinein in die virtuelle Gemeinschaft und genauso schnell wieder hinaus.

Was ist eine virtuelle Gemeinschaft?
In einer virtuellen Community schließen sich Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammen, die untereinander mit gewisser Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit computergestützt Informationen austauschen und Kontakte knüpfen (N.Döring, 2001). Nicht jede Website mit Forum oder Chatroom ist deshalb eine virtuelle Community. Das Gemeinschaftsgefühl und damit die Abgrenzung nach außen ist ein wesentlicher Bestandteil einer Netzgemeinschaft.

Von der Netzgemeinde zur Netzgemeinschaft
Das Konzept virtueller Communities ist so alt wie das Netz. In den 1980ern entstanden in den USA die ersten Community Networks in Form von Use-Groups und Mailbox-Systemen. Ziel war der Wissenstransfer in kleinen Nutzergemeinschaften.

1985 startete in Kalifornien mit The Well (whole earth `lectronic link) die erste Ur-Community als soziales Experiment. Neben virtuellen Kontakten pflegten die Mitglieder auch im realen Leben Gemeinschaft und organisierten Well Partys, Hochzeiten und Begräbnisse.
Heute ist das Internet dank WWW zum Massenmedium geworden. Die Vielfalt des Informationsangebots motiviert immer mehr Userinnen Informationen nicht nur zu konsumieren, sondern auch Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen und sich auszutauschen. Der Erfolg von "The Well" war der Ausgangspunkt zur Gründung weiterer virtueller Gemeinschaften im Netz.

In den 1990ern entdeckte die Internetwirtschaft die Vorzüge virtueller Gemeinschaften. In ihrem Buch Net Gain (1997) beschreiben die McKinsey-Berater Hagel und Armstrong, wie das Konzept virtueller Communities strategisch genutzt und kommerzialisiert werden kann.
Die ersten kommerziellen Communities wurden gebildet zur Einführung von Produkten und/oder zur Erhöhung der Kundenbindung. Viele optimistische Gewinn-Prognosen haben sich nicht bewahrheitet. Es zeigte sich, dass der Erfolg virtueller Gemeinschaften nicht allein von einer technisch funktionierenden Plattform abhängt. Vielmehr ist die Attraktion und Motivation der Mitglieder zur aktiven Teilnahme der Erfolgsfaktor für das Wachstum einer Community.

Motive des Community-Building
Warum schließen wir uns zu virtuellen Gemeinschaften zusammen? Zunächst ist es die Neugier und das Stöbern nach attraktiven und möglichst exklusiven Inhalten, die unser Informationsbedürfnis auf bestimmten Gebieten befriedigt. Sind wir fündig geworden, werden wir wiederholt das Angebot nutzen und im Idealfall zu regelmäßigen Besucherinnen. Es entsteht der Wunsch, Rat zu speziellen Themen einzuholen, Tipps weiter zu geben und Meinungen auszutauschen. Das Bedürfnis nach Verbundenheit ist die Basis einer virtuellen Gemeinschaft. Communities widmen sich nicht nur spezifischen Themen, wie ähnliche Hobbys oder Problemlagen, ihre Mitglieder schließen sich aufgrund gemeinsamer Bedürfnisse zusammen.

  • Socializing - die Community als virtuelle Dorfgemeinschaft
    (Bsp. the well, new-in-town.de). Für die Mitglieder steht der soziale Mehrwert im Vordergrund. Ungezwungener Austausch bequem von zu Hause aus, kennen lernen von Gleichgesinnten, Freizeitpartnern oder den Mann/die Frau fürs Leben.
  • Lobbying - die Community als virtueller Interessenverband
    (Bsp. Selbsthilfegruppen, webgrrls.de). Das Hauptmotiv des Zusammenschlusses ist die Chance zur Einflussnahme und die Öffentlichkeitswirksamkeit. Die Mitglieder haben das Gefühl gemeinsamer Stärke und unterstützten sich innerhalb der Gemeinschaft durch gebündelte Fachkompetenz.
  • Austausch - die Community als virtueller Marktplatz
    (Bsp. amazon, ebay). Die Mitglieder tauschen, ähnlich wie auf einem Marktplatz, Waren, Projekte und Meinungen aus. Die Mitgliedschaft in der Community verschafft finanzielle Vorteile und erleichtert Kaufentscheidungen. Der Online-Buchhandel Amazon entwickelte sich durch interessante Rezensionen zur virtuellen Community.
  • Netzwerken - die Community als virtuelles Team
    (Bsp. webgrrls.de, akademie.de). Die Möglichkeit der weltweiten digitalen Vernetzung eröffnet neue Räume für Kommunikation und Kooperation in virtuellen Teams. Die Community bietet die Möglichkeit, berufliche Beziehungsnetzwerke zu nutzen, die im realen Leben nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.

Leere Foren und geistloses Geschwätz
Die Potenziale virtueller Gemeinschaften wurden in den Anfängen euphorisch beschrieben. Von den Vorzügen eines elektronischen Freundeskreises für die Selbstentfaltung (Licklider, 1960) bis hin zu einem mächtigen Werkzeug zur Stärkung von Gemeinschaftsgefühl, Demokratie und Gleichberechtigung (Dyson, 1997) reichten die Statements.
Die Realität sieht heute oft anders aus. Die Hoffnungen der Netzpioniere auf virtuelle Wiedervereinigung der Menschheit haben sich genauso wenig erfüllt wie der Marketing-Hype. Was euphorisch begann, endet meist mit Ernüchterung und dem Aus für die Gemeinschaft. Wer kennt sie nicht die leeren Foren und belanglosen Inhalte? Wenige aktive Mitglieder und viele passive Mitglieder, die genauso schnell wie gekommen wieder weg sind. Dennoch gibt es Communities, die erfolgreich überlebt haben.

In Teil 2 der Serie "We are community" geht Birgit Beichter der Frage nach, wie Communities wachsen und ihre Mitglieder erfolgreich an sich binden.
 

Buchtipp
Don Tapscott (Hrsg.) 2000:
Erfolg im E- Business.
Hanser Fachbuch, 236 Seiten.
ISBN: 3446213503
Preis ca. € 39,90
Ein guter Einstieg in die Thematik.
Linktipp
www.cybercommunities.de
Eine umfangreiche und informative Seite für alle, die in Netzgemeinschaften agieren oder daran interessiert sind.
Enthält Buchtipps, Artikel Linkliste, Newsletter und eine eigene Community zur Vertiefung der Diskussion. Gelegenheit zur Teilnahme an einem Community-Stammtisch in München oder Frankfurt.
Autorin
Birgit Beichter
Dipl. Psychologin, Mediation und Konflikt-Coaching (BAFM).
Ihr beruflicher Schwerpunkt: Kommunikation und Konfliktmanagement im zwischenmenschlichen Bereich. Ihre Passion: das Internet und seine Beziehungsformen.
Kontakt: beichter@ team-mediation.de
Internet: www.team-mediation.de