Juli 2003 > mehr netzwerken > Unternehmenstheater
 
Alles nur Theater? - Unternehmenstheater als Methode der Teamentwicklung
Von Birgit Beichter
 
Was hat Theater im Unternehmen zu suchen? Auf Jubiläen oder Betriebsfesten ist uns vielleicht schon ein Theaterstück begegnet. Mit Theater verbinden wir im Allgemeinen Kultur und Kurzweil. Schauspiel ist ein Medium der Kommunikation. Durch Übertreibung, Pointieren, Provozieren und Experimentieren werden Meinungen öffentlich, die in anderen Situationen nicht akzeptiert sind. Beziehungen stellen sich durch Körpersprache und die Position im Raum bildlich dar. Diese Möglichkeiten nutzt das Unternehmenstheater, um Probleme in der Organisation und Konflikte im Team aufzudecken und Veränderungen einzuleiten.

Als Augusto Boal in Brasilien in den 60er Jahren sein "Theater der Unterdrückten" entwickelte, ahnte er nicht, dass seine Methode erfolgreich zur Teamentwicklung in Unternehmen in Nordamerika und Europa genutzt werden würde [1]. Boal wollte unter dem Eindruck der Militärdiktatur in Brasilien den vielen kleinen Leuten, den politisch Verfolgten und anders Denkenden eine Stimme geben. Mit Hilfe der Ausdrucksform Schauspiel deckte er die Unterdrückung auf und erkundete mit den Protagonisten Möglichkeiten für Veränderung.

Jeder Konflikt, so Boal, beginnt mit Unterdrückung, wenn auch nicht immer offensichtlich. Ziel seines Theaters ist die Aufdeckung und Veränderung der Unterdrückung. [2]
Das Theater der Unterdrückten stützt sich auf 2 Säulen:

  1. Die Zuschauer sind nicht passiv, sie werden zu Handelnden und können die dargestellten Szenen verändern.
  2. Das Theater interpretiert nicht nur die Realität, es versucht Ideen für zukünftiges Handeln zu erkunden.

Boal entwickelte verschiedene Formen des Schauspiels. Besonders interessant ist das "Statuentheater" und das "Forumstheater". Beide Formen können im Rahmen großer Veranstaltungen oder in kleinen Gruppen, zum Beispiel in Teams eingesetzt werden.

  • Das Statuentheater arbeitet mit lebenden Bildern. Unter einem Motto, z.B. Arbeitslosigkeit, stellen die Protagonisten lebende Bilder, ähnlich wie Statuen dar. Mit Hilfe der Körpersprache kann die Wahrnehmung von Schauspielern und Zuschauern verändert werden. Es ergibt sich eine andere Perspektive, die durch Sprache nicht erfasst wird. Die Zuschauer können in die Szene eingreifen, indem sie das Bild verändern oder einen Vergleich zwischen dem Real- und einem Idealbild darstellen.
  • Das Forumstheater bietet eine vorgegebene Szene an. Nach der Darstellung wird das Forum eröffnet. Die Zuschauer sind aufgefordert, Vorschläge zur Veränderung einzubringen und diese mit den Darstellern zu diskutieren. Alle Beteiligten haben die Möglichkeit spielerisch Ideen in Handlung umzusetzen und andere Optionen für die Zukunft zu erproben.
Boal experimentierte nicht nur in Südamerika. In den 70er Jahren führte er Workshops an ganz unterschiedlichen Institutionen und Organisationen in Europa durch. Seine Erfahrung: In einer demokratisch, liberal geprägten Gesellschaft ist Unterdrückung nicht offensichtlich, wird aber von den Menschen genauso stark empfunden. Theater ist ein geeignetes Medium Missstände auszudrücken, besonders in Konfliktsituationen.

Theater als Methode zur Teamentwicklung
Die positiven Erfahrungen Augusto Boals mit dem Theater der Unterdrückten wurden von Organisationsentwicklern aufgegriffen und mit Erfolg in der Teamentwicklung eingesetzt. W. Ferris, Organisationsberater und Professor an der School of Business am Western New England College, beschreibt ein erfolgreiches Beispiel aus dem Konfliktmanagement.[3] In einem Team von 23 Mitarbeitern gab es Probleme im Kundenkontakt, die das Arbeitsklima zunehmend belasteten. Ferris instruierte die Team-Mitglieder sich so zu platzieren, wie sie ihre Beziehungen untereinander empfanden. Dabei wurde nicht gesprochen. Das Bild zeigte weit voneinander entfernte Personen, die teilweise keinen Blickkontakt hatten. Danach bat Ferris das Team, ein Idealbild als Ergebnis einer erfolgreichen Teamentwicklung zu stellen. Schnell wurde klar, dass der Wunsch nach mehr Nähe, Vertrauen und Kommunikation im Team stark war. Im Anschluss diskutierten die Teilnehmer über die dargestellten Bilder und entwickelten Vorschläge zur Annäherung an das Idealbild.

Die Wirkung der Methode beruht auf der Schaffung einer neuen Ausdrucksform, mit deren Hilfe schwierige Themen angesprochen werden können. Hierarchiestrukturen werden aufgedeckt und verändert. In spielerisch-kreativer Atmosphäre können Lösungsideen und zukünftige Auswirkungen auf das Team erprobt werden. Die Fokussierung auf die Körpersprache weckt bei den Beteiligten mehr Verständnis für eigene Gefühle und die Gefühle anderer. Das Team findet gemeinsam neue Handlungsoptionen.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Die Stärke des Theaters im Unternehmen und in der Teamentwicklung ist die Konzentration auf die bildlich-szenische Ausdrucksform. Und dazu macht es Spaß.
 

Quellen

[1] Harvard Business Manager April 2003
[2] Augusto Boal, Das Theater der Unterdrückten, Suhrkamp Verlag 1989.
[3] Ferris, W.P. Theater für die Teambildung, in: Harvard Business Manager April 2003.

Links
Unternehmenstheater Überblick www.unternehmens-theater.de
Über Augusto Boal www.boal.de
Literatur
Schreyögg, Georg; Dabitz, Robert (Hrsg.): Unternehmenstheater (Formen, Erfahrungen, Erfolgreicher Einsatz). 1999.

Augusto Boal: Das Theater der Unterdrückten, Suhrkamp Verlag, 1989.
Autorin
Birgit Beichter
Kontakt: birgit.beichter@ mediella.de