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Das Münchner Cross-Mentoring-Programm geht in die dritte Runde
Interview vom 20. Mai 2003 mit Nadja Tschirner
von Regina Kogler
 
Im Mai ist mit einer offiziellen Auftaktveranstaltung und Podiumsdiskussion im Münchner Rathaus die dritte Runde von Cross-Mentoring München gestartet. Ein Jahr lang werden 25 Mentees aus zehn Unternehmen von einer Mentorin oder einem Mentor eines Partnerunternehmens begleitet.
Frau Tschirner koordiniert zusammen mit ihrer Partnerin von i-mento, Simone Schönfeld, in Kooperation mit Nele Haasen auch die aktuelle dritte Runde des Cross-Mentoring-Programms.

mediella: Wie ist Ihre persönliche Bilanz nach zwei Jahren Cross-Mentoring-Programm in München?

Nadja Tschirner:
Es ist sehr erfolgreich gelaufen. Dieses Jahr sind drei weitere Unternehmen dazugekommen. Dass Unternehmen auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten an diesem Thema festhalten, ist ein sehr wichtiges Signal.

mediella: Laut aktueller Einladung zur Auftaktveranstaltung ist das Ziel des Münchner Cross-Mentoring-Programms, den Anteil von Frauen in gehobenen Führungspositionen zu erhöhen.

Nadja Tschirner:
Es kursiert immer die Meinung, dass das Programm erfolgreich ist, wenn mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Aber den Unternehmen ist durchaus bewusst - und das war vor wenigen Jahren beim Thema Mentoring noch nicht der Fall - dass so etwas nicht in einem Jahr erreicht werden kann.

Wir haben als Mentees Frauen mit erster Führungserfahrung ausgewählt. Sie können sich zu den Themen austauschen, die sie aktuell als Führungskraft beschäftigen. Die Unternehmen möchten die Frauen in diesen Positionen festigen, ihnen einen Einblick darin geben, was es heißt, eine höhere Führungsposition einzunehmen. Frauen werden motiviert und sehen neue Perspektiven für sich.

mediella: Die Unternehmen erwarten sich auch einen Imagegewinn.

Nadja Tschirner:
Große Konzerne sind auf internationale Kapitalmärkte angewiesen. Besonders für US-börsennotierte Unternehmen sind Fragen wie "Was macht ihr für Frauen?" wichtig. Themen wie Diversity werden auch auf Hauptversammlungen diskutiert. Der Einfluss der weiblichen Anleger ist nicht zu unterschätzen.

Ein weiterer Punkt: Die Zahl der weiblichen Absolventinnen steigt, aber die Einstellungszahlen sind trotzdem rückläufig. Technisch orientierte Unternehmen brauchen qualifiziertes Personal.

Die Motive, warum sich Unternehmen an solchen Programmen beteiligen, sind individuell unterschiedlich. Wichtig ist, welche Signale im Unternehmen gesetzt werden.
Es muss ein Bewusstsein entstehen "wir brauchen mehr Frauen in den Entscheidungspositionen", um auch Kundinnen am Markt besser zu erreichen. Eine Ingenieurin meinte kürzlich, wenn Frauen Handys entwickeln würden, sähen diese ganz anders aus.

mediella: Im Zusammenhang mit Frauenförderung fiel in der Podiumsdiskussion das Wort "Kriseninterventionsprogramm für Frauen". Sabina Schmitz, Mentee und Teilnehmerin der Podiumsdiskussion sagte, sie sei anfangs nicht so begeistert gewesen, für das Programm auserwählt worden zu sein: "Frauenförderung ist etwas negativ besetzt." Auch später habe sie das nur in ihrem eigenen Team kommuniziert.

Ist Cross-Mentoring nur Einzelförderung? Wie kann ein solches Programm Kreise ziehen und auch andere Frauen davon profitieren lassen? Hat es überhaupt eine Chance, langfristig etwas zu bewirken?

Nadja Tschirner:
Es lässt sich nicht vor und nach einem Programm messen, wie viele Frauen in Führungspositionen sitzen. Erfahrungen anderer Programme und Länder zeigen eindeutig, dass Mentoring langfristig dazu beitragen kann, auf die Kompetenzen weiblicher Nachwuchsführungskräfte aufmerksam zu machen.

Damit auch andere Frauen von Mentoring profitieren können, ist es wichtig, dass die Erfahrungen mit den Programmen offen kommuniziert werden, sowohl in den Unternehmen als auch in der Öffentlichkeit.

Der Fall der einen Mentee, die noch ein Problem damit hat, sich zu outen, aber trotzdem in einer öffentlichen Veranstaltung auf dem Podium sitzt, zeigt die Ambivalenz, die viele Frauen haben. Sie sehen einerseits die große Chance, in einem solchen Programm teilzunehmen. Es ist für sie eine enorme persönliche Entwicklung. Gleichzeitig sehen sie, die Strukturen ändern sich nicht so schnell. Dies ist sicher ein Problem, mit dem die Frauen konfrontiert werden.

mediella: Joachim Schulze, Mentor aus der letzten Runde, betonte, dass sich erst in den Köpfen der vorwiegend männlichen Führungskräfte etwas ändern müsse. Wie ändert man das?

Nadja Tschirner:
Nur langfristig. Nur dadurch, dass einige die schon ein anderes Bewusstsein haben, sich damit outen. Und diese Möglichkeit bietet dieses Mentoring-Programm. Das ist langfristig auch unsere Hoffnung.

Wenn sich eine Führungskraft, wie Herr Schulze, aufs Podium setzt und sagt, dass er persönlich vom Mentoring-Jahr profitiert hat und nun auch die Probleme besser erkennt, die Frauen im Unternehmen haben. Wenn Männer sagen, Frauenförderung ist wichtig, hat dies noch einmal einen ganz anderen Stellenwert, als wenn Frauen dies sagen.

Das führt dazu, dass sich auch langfristig in den Unternehmen etwas ändern kann.

mediella: Im aktuellen Cross-Mentoring-Programm sind nur Großunternehmen aus dem Münchner Raum beteiligt. Gibt es ein Programm für den Mittelstand?

Nadja Tschirner:
Das wird diskutiert. Für uns ist es sinnvoll, Cross-Mentoring einzuführen, wenn Mentoring nicht das einzige Programm zur Frauenförderung im Unternehmen ist. Sonst ist es der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Aber wir denken über ein Programm für den Mittelstand nach. Das muss aber anders gestrickt sein.

mediella: Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Gespräch.
 

Dr. Nadja Tschirner
i-mento - Institut für Mentoring, Training und Organisationsentwicklung
Internet: www.i-mento.de
Kontakt: nadja.tschirner@i-mento.de
Infomaterial Cross-Mentoring-Programm München
Hrsg: Landeshauptstadt München, Referat für Arbeit und Wirtschaft
zwei Broschüren zum Bestellen oder Download im pdf-Format
- Mentoring für Frauen (November 2000)
- Das Münchner Cross-Mentoring-Programm (April 2002)
Kontakt: wirtschaftsfoerderung@ muenchen.de
Autorin

Regina Kogler
Kontakt: regina.kogler@ mediella.de