Juli 2003 > mehr wissen > Plädoyer für die Vielfalt
 
Ein Plädoyer für die Vielfalt
Von Florence Maurice
 
Die Münchner Stadtverwaltung wird Microsoft den Rücken kehren und auf OpenSource-Produkte umsteigen - eine Eintscheidung, die für einigen Wirbel gesorgt hat. Im Vorfeld der Verhandlungen reiste Microsoft Chef Steve Ballmer sogar eigens aus seinem Urlaub an, um das neue Microsoft-Angebot zu unterbreiten. Als München sich für Linux entschied, fällte gleichzeitig die Stadt Frankfurt ihre Entscheidung für Microsoft.

Microsoft-Produkte dominieren den Software-Markt, insbesondere mit dem Betriebssystem Windows und den Office-Programmen. Ein unbestrittener Vorteil dieser weiten Verbreitung ist natürlich, dass man die Kenntnisse, die man in einem Büroprogramm erworben hat, überall wird einsetzen können - und das im Zweifelsfall weltweit. Aber die Nachteile sind gravierend: Wirtschaftlich gesehen kann eine Firma, die ein Quasimonopol besitzt, Preise und Konditionen diktieren - man denke nur an den höchst umstrittenen "Aktivierungszwang" von Windows XP, der natürlich eindeutig nicht im Interesse der Endverbraucher ist. Und was wird sich Microsoft denn bei der nächsten Version einfallen lassen? Vom technischen Gesichtspunkt her bieten die Monokultur-ähnlichen Bedingungen, wie sie hier herrschen, eine optimale Angriffsfläche für bösartigen Code, d.h. Viren etc. Denn ein Virus muss nur auf die Besonderheiten eines Betriebssystems (oder vorzugsweise eines E-Mail-Programms) programmiert sein und kann sich dann unkontrolliert verbreiten.

Ein beliebter Fehlschluss ist der Glaube, ein derartiges Monopol wie wir es mit MS-Office haben, wäre der Garant für den unproblematischen Datenaustausch zwischen verschiedenen Anwendern. Für den unkomplizierten Datenaustausch wären internationale Standards und offene Formate zuständig. D.h. jede Benutzerin arbeitet mit dem Programm, das ihren Bedürfnissen am besten entspricht und das Programm ermöglicht den Austausch mit Daten anderer Anwendungen, wenn sich alle an gewisse Standards halten. Wer außerdem oft und komplexe Office-Dokumente zwischen verschiedenen Office-Versionen ausgetauscht hat, weiß auch, dass die Verwendung von MS-Office keineswegs immer einen unkomplizierten Austausch ermöglicht. Wenn Sie es selber ausprobieren wollen: Öffnen Sie doch einmal ein Word-XP-Dokument mit Word-97 ;-) Übrigens kann OpenOffice eindeutig besser Word XP-Dokumente verarbeiten.

Wie vorherrschend die MS-Produkte sind, erkennt man auch an dem so genannten "Computer-Führerschein", einem Fortbildungskurs, der ausschließlich Kenntnisse in der Bedienung von MS-Office-Programmen vermittelt, aber trotzdem einen so allgemeinen Titel trägt - als ob Computer und Microsoft-Anwendungen gleichbedeutend wäre! Dabei gäbe es durchaus Alternativprogramme; und bei einem solchen Kurs sollte natürlich die grundsätzliche Funktionsweise von Computern im Vordergrund stehen und nicht rein die konkrete Anwendung einzelner Programme einer bestimmten Firma.

Ein Unding sind auch Webdokumente, die nur für bestimmte Browser programmiert sind und Surfern mit anderen Browsern den Zugang versperren; wie ich letztens wieder einmal bei www.angela-merkel.de beobachten konnte, als ich die Seite mit dem Konqueror aufrufen wollte, der ein unter Linux recht beliebten Browser ist. Zur Begrüßung erschien der Hinweis "Diese Site ist für Microsoft Internet Explorer 6 und Netscape Navigator 7 optimiert. Bitte vergewissern Sie sich, einen dieser Browser einzusetzen!" Es mag ja noch angehen, dass eine bestimmte Seite mit bestimmten Browsern nicht optimal aussieht - aber bestimmte Surfer auszusperren, kann nicht im Interesse des Website-Betreibers und erst recht nicht im Interesse einer Volkspartei sein. Übrigens habe ich noch niemanden getroffen, der einen solchen Hinweis als Anlass nimmt, sich einen neuen Browser herunterzuladen, und dann erneut auf die Seite surft.

Wie wichtig Konkurrenz ist, sieht man gerade an der Geschichte mit der Münchner Stadtverwaltung: Ohne die Existenz des Konkurrenten Linux hätte Microsoft kaum neue und günstigere Konditionen eingeräumt, von denen auch andere profitieren können, die sich nicht von Microsoft verabschieden wollen.

Quellen und Links

Münchner Entscheidung im Heise-News-Ticker

OpenOffice - ein kostenloses Office-Programm

Mozilla - Browser. E-Mail-Programm und vieles mehr

Autorin
Florence Maurice
Kontakt: florence.maurice@ mediella.de