Juni 2005 > mehr können > Storytelling
 
Corporate Storytelling - mehr Erfolg im Projekt mit Geschichten
Interview mit Sigrid Hauer-Ort
Von Regina Kogler
 
mediella: Gerade wegen ihrer Einfachheit sind Geschichten beliebt. Das Buch Mäuse-Strategie für Manager von Spencer Johnson, eine Parabel über die Notwendigkeit des Wandels, war lange auf den Bestsellerlisten zu finden.

Sie arbeiten als Coach und Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Projektmanagement für mittelständische Firmen und Großunternehmen wie BMW. Eine Spezialität von Ihnen ist Storytelling, die Kunst des Erzählens im unternehmerischen Umfeld. Was fasziniert Sie an dieser Methode?

Sigrid Hauer: Das Erzählen ist die Urform der menschlichen Kommunikation. Der soziale Aspekt spielt neben der Weitergabe von Erfahrung und Wissen eine wichtige Rolle. Mit Geschichten kann ich Menschen erreichen. Jedem macht es Spaß zuzuhören oder selbst zu erzählen. Erzählen ist etwas sehr Interaktives. Es fasziniert mich jedesmal, zu sehen, wie bereitwillig die Zuhörer selbst zu reden anfangen und Dinge durch meine Geschichten in Gang kommen.

mediella: Für Insider ist Storytelling eine seriöse Methode, für Otto-Normal-Verbraucher klingt das eher nach Märchenstunde. Welche Art von Unternehmen sind offen für diesen unkonventionellen Zugang?

Sigrid Hauer: Die Mitarbeiter sind meist etwas erstaunt, wenn ich mit dem Erzählen beginne. Aber sie hören erstmal gerne zu. Wenn sie erkennen, dass die Geschichte sie selbst und ihre Arbeit betrifft, sind sie offen für diese Form und begeistert. Die Mitarbeiter kommen darin grundsätzlich nur als positive Helden vor. Der Antiheld und Böse der Geschichte kann nie Teil des Unternehmens sein, sonst wird die Geschichte natürlich nicht akzeptiert. Die positive Haltung und Wertschätzung, die ich meinem Publikum entgegen bringe, ist sehr wichtig. Die Mitarbeiter müssen sich ernstgenommen fühlen, sonst heisst es wirklich: "Die erzählt nur Märchen."

Ich muss mir vorher das Umfeld genau ansehen und darf keinen Mitarbeiter und keinen Faktor, der für das Projekt wesentlich ist, übersehen. Sonst fehlt der Geschichte etwas und sie wirkt aufgesetzt, nicht zu Ende gedacht. Meine Geschichte muss stimmig sein.

In den USA ist Storytelling seit Anfang der 90er Jahre eine anerkannte Methode und wird von vielen Großunternehmen wie Rank Xerox, IBM oder der Weltbank erfolgreich eingesetzt. Auch in Deutschland findet diese Methode immer mehr Anhänger. Siemens und Allianz sind Beispiele dafür. Aber der Einsatz ist unabhängig von der Größe des Unternehmens.

Häufig ist Storytelling und die Möglichkeiten, die darin liegen, einfach nicht bekannt. Die meisten meiner Kunden kommen ganz automatisch in den Genuss, weil es zu meinem Methodenrepertoire gehört. Mit meinen Vorträgen und Workshops möchte ich diese hervorragende Technik bekannter machen. Mein Wunsch ist, dass mehr Unternehmen gezielt Storytelling nachfragen.

mediella: Wie setzen Sie Storytelling im Projektmanagement ein?

Sigrid Hauer: Für die beteiligten Mitarbeiter denke ich mir bereits im Vorfeld eine Geschichte aus. Sie spiegelt die Projektsituation in einer anderen Rahmenhandlung wider und stellt ein zentrales Problem oder ein Thema dar. Ich überlege mir noch, ob die Geschichte ein Ende hat. Bei einem offenen Ausgang sollen sich die Zuhörer selbst ein Ende ausdenken. Es ist gigantisch, was von den Leuten zurückkommt und welche Kreativität hier frei wird.

Eine rund dreiminütige Geschichte verwende ich gerne als Einleitung einer Präsentation von trockenen Fakten wie zum Beispiel den Ergebnissen einer internen Geschäftsprozess-Analyse. Mein Ziel ist, alle Beteiligten zu motivieren, sich in den nächsten Tagen mit diesem Konzept zu beschäftigen und mir ein qualifiziertes Feedback zu geben. Die Methode klappt ausgezeichnet. Das Geheimnis dahinter ist ganz einfach: Die blanken Fakten werden mit der Geschichte lebendig und jeder kann die Relevanz für die eigene Arbeit spüren.

Die Struktur der Geschichten ist meistens gleich. Die Helden, das sind die beteiligten Mitarbeiter, bestehen ein Abenteuer. Im genannten Beispiel müssen sie die Informationen für die Erstellung eines Konzeptes in einem Buch sammeln. Unterstützt werden sie von einer guten Fee. Im konkreten Fall blieb der Ausgang der Geschichte offen.

mediella: Was können Sie mit Ihren Geschichten bewirken?

Sigrid Hauer: Das ist ganz unterschiedlich. Das angestrebte Ziel hängt vom Einzelfall ab. Vielleicht möchte ich meine Zuhörer wie im Beispiel für irgendetwas motivieren, sie auf ein Projekt einstimmen, Verständnis für ein Thema wecken oder zum Denken anregen.

Geschichten haben den Vorteil, dass sie komplexe Sachverhalte prägnanter darstellen als analytische Datensammlungen. Mit Geschichten lassen sich Fakten und Emotionen verbinden und Werte wie die Unternehmenskultur vermitteln. Gerade im IT-Projektmanagement, zum Beispiel bei der Einführung neuer Software, spielt der Mensch eine große Rolle, seine Motivation, unausgesprochene Ängste, die Art und Weise seiner Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg. Die Problemfelder sind sehr komplex.

Innerhalb des Projektteams ist eine offene Kommunikation ein zentraler Erfolgsfaktor. Die Methode eignet sich hervorragend, um Personen miteinander ins Gespräch zu bringen. "Erfundene" Geschichten schaffen Distanz und bieten ein neutrales Terrain, um Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu können. Jeder holt sich etwas anderes aus einer Geschichte heraus, weil jeder seine eigenen Assoziationen dazu hat. Da fangen die Zuhörer an zu reflektieren. Die erste Hemmschwelle ist schnell überwunden und die Leute kommen selbst ins Erzählen. Spielerisch können dabei völlig unterschiedliche Lösungsansätze entwickelt werden.

Das Erzählen ist nicht nur die älteste Form der Erfahrungs- und Wissensweitergabe, sondern auch eine der effizientesten.

mediella: Herzlichen Dank für das Gespräch.
 

Sigrid Hauer-Ort
Diplom-Betriebswirtin/ Wirtschaftsinformatik.
Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Projektmanagement, Coach für Geschäftsführer und Projektleiter.
Spezialität: Corporate Storytelling
Internet: www.Consulting4Quality.de
E-Mail: sh@consulting4quality.de
Veranstaltungstipps in München
Storytelling - Geschichten in Unternehmen
Workshop mit Sigrid Hauer-Ort
Mitte Juli 2005 in München
Infos und Anmeldung im Internet

Goldmund e.V. - Märchen- und Geschichtenerzähler
Jeden letzten Mittwoch des Monats: Goldmund-Jour-Fix, zum Reinschnuppern und Kennenlernen; bis 15. Juli 2005 Sommereinstieg in Ausbildungslehrgang
www.goldmund-verein.de

Buchtipp
Karolina Frenzel, Hermann Sottong, Michael Müller: Storytelling.
Hanser Wirtschaft 2004, ISBN 3-446-22687-7, EUR 19,90.

Überzeugende Einführung in die Methode, gut zu lesen, mit vielen Anregungen aus der Praxis.
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Autorin/Interview
Regina Kogler, Interview April 2005
Kontakt: regina.kogler @mediella.de