Mai 2005 > mehr können > Ingenieurinnen
 
Neue Professur an der TU München: Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften
Interview mit Prof. Dr. Susanne Ihsen
von Regina Kogler
 
Als erste deutsche Hochschule hat die TU München (TUM) Ende letzten Jahres eine Professur für "Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften" eingerichtet. Berufen wurde die Sozialwissenschaftlerin Dr. phil. Susanne Ihsen, die sich die letzten sechs Jahre als Leiterin der Abteilung Beruf und Karriere in der Hauptgeschäftsstelle des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) bereits intensiv mit der Thematik beschäftigt hat.

mediella: Um junge Frauen für das Ingenieurstudium zu begeistern, werden an der TU München seit vielen Jahren, koordiniert durch das dortige Frauenbüro, die verschiedensten Programme organisiert. Die beiden Projekte, MentorING und die Agentur Mädchen in Wissenschaft und Technik wurden im letzten Jahr für drei weitere Jahre verlängert. Wie ist das neu geschaffene Fachgebiet "Gender Studies" einzuordnen?

Susanne Ihsen: Das Frauenbüro der Frauenbeauftragten der TUM führt konkrete Projekte für genau definierte Zielgruppen wie Schülerinnen, Studentinnen und Diplomandinnen durch. Ich bin für den Part Forschung zuständig. Welche Effekte haben diese Programme mittel- und langfristig? Welche Aktionen gibt es an anderen Hochschulen? Was sind die Best-Practice-Elemente? Das sind einige der Fragen, die es zu untersuchen gilt. So können wir dann Empfehlungen geben. Das Oberthema ist die Nachhaltigkeit von Gender-Konzepten.

mediella: Erklärtes Ziel ist herauszufinden, warum Ingenieurstudiengänge für junge Frauen so unattraktiv sind. Die Gründe dafür müssten doch längst erforscht und bekannt sein?

Susanne Ihsen: Ein Teil ist bekannt. Unbekannt sind etwa Wechselwirkungen, zum Beispiel die Aussage: "Der große Bruch in der Frauenkarriere kommt nach dem ersten Kind". Ist das ein Grund, der bereits bei der Studienwahl entscheidend ist? Da könnten durchaus auch andere Faktoren eine Rolle spielen.

Was fehlt sind Langzeit-Studien. Hier sehe ich auch die wichtige Aufgabe von Forschungseinrichtungen wie "Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften". Eine erste Untersuchung an der TU Darmstadt erstellt seit zwei Jahren eine Bestandsaufnahme: Was tun eigentlich Ingenieurinnen? In welchen Arbeitsfeldern sitzen sie? Wohin entwickeln sie sich? An diese Untersuchung kann dann vertiefend angeknüpft werden.

mediella: Die Arbeitssituation sieht trotz aller optimistischer Prognosen für angehende Ingenieurinnen nicht rosig aus. Die Arbeitslosenquote von Ingenieurinnen ist mit rund 20 Prozent fast doppelt so hoch wie bei ihren männlichen Kollegen. Gleichzeitig orientieren sich viele Berufsanfängerinnen wieder um, weg von den technischen Stellen, wie Ulla Weber, Leiterin des Projektes mentorIng bereits vor zwei Jahren feststellte.

Susanne Ihsen: Wir haben die Situation, dass von den rund 20 Prozent Absolventinnen ungefähr die Hälfte in so genannten fachfremden Berufen verschwindet. Das muss aber keinesfalls immer eine Deklassierung sein. Wenn eine Ingenieurin als Gutachterin zu einer Bank oder Versicherung wechselt, arbeitet sie in einem fachfremden Bereich, aber eben immer noch als Fachfrau. Der Ingenieurberuf ist heute weit verzweigt und auch in den nichtklassischen Bereichen sind erfolgreiche Karrieren möglich.

Es gibt erst seit wenigen Jahren gleschechtsspezifische Statistiken dazu. Wie sich Berufswahl und Karrieren von Männern und Frauen unterscheiden, muss erst noch untersucht werden. Wir stehen hier ganz am Anfang.

mediella: Versagen hier nicht auch die Berufsverbände? Die Verbandslandschaft ist sehr männlich geprägt. Ingenieurinnen haben da schwer zu kämpfen, "die Belange der Ingenieurinnen in der Öffentlichkeit und im Berufsleben stärker zu vertreten und den Ingenieurberuf für Frauen attraktiver zu machen", wie es sich beispielsweise fib, Frauen im Ingenieurberuf, ein Arbeitsbereich des VDI, als Aufgabe gesetzt hat.

Susanne Ihsen: Die Ingenieurinnen, egal ob im VDI, dem Deutschen Ingenieurinnenbund oder in anderen Verbänden sind im Gegenteil sehr aktiv und erfolgreich. Junge Frauen möchten Vorbilder. Sie möchten die Frauen sehen: Was tun sie? Wie leben sie? Wie arbeiten sie? Womit beschäftigen sie sich inhaltlich? Es fehlt die Normalität, dass Frauen ganz selbstverständlich als technische Expertinnen auftreten. Alle Verbände sind hier noch sehr zaghaft. Es wäre sicher einfach, zum Beispiel bei der Referentenauswahl, auf einen gewissen Frauenanteil zu achten.

Es ist Aufgabe von allen Beteiligten, Schulen, Hochschulen, Unternehmen und Verbänden, daran zu arbeiten. Auftrag der Hochschule und respektive meine Aufgabe in diesem Forschungsgebiet ist wissenschaftliche Informationen zu gewinnen. Berufsverbände, wie der VDI, sind es, die diese Erkenntnisse mit Unternehmen und der Politik diskutieren. Das hat in den letzten Jahren zu einer zunehmenden Sensibilität für dieses Thema geführt. Neben der zentralen Frage "Was hindert junge Frauen daran in technische Berufe zu gehen?", gibt es aber weitere aktuell diskutierte Fragestellungen: "Warum sind gemischte Teams erfolgreicher als homogene?“ Es ist ein sehr weites Feld - und ein sehr spannendes.

mediella: Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und vor allem eine breite Unterstützung nicht nur von Seiten der Hochschule. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Im Gespräch
Prof. Dr. Susanne Ihsen
Fachgebiet für Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften
Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik
Kontakt: ihsen@tum.de
Veranstaltungstipps

10.05.2005, 18:00
Ingenieurinnen in Forschung und Industrie
Vortrag von Prof. Dr. Susanne Ihsen über verschiedene Karrierewege von Frauen im Ingenieurberuf, mit anschließender Podiumsdiskussion
TUM Stammgelände, Arcisstraße 21
Weitere Informationen: www.fb.ze.tu-
muenchen.de/
mentoring

03.-05. Juni 2005
dib + fib Kongress 2005
Frauen - technik - netzwerk
www.fib-kongress2005.de
veranstaltet von
- Verein Deutscher Ingenieure (VDI), Arbeitskreis Frauen im Ingenieurberuf fib
- Deutscher Ingenieurinnenbund e.V. dib

Linktipps

Frauenbüro der TU München

Projekt mentorING - Schubkraft für den Karrierestart.
In mediella 04.2003

Autorin
Interview April 2005
Regina Kogler

Kontakt: regina.kogler
@mediella.de