März 2005 > weniger arbeiten > Müßiggang
 
Rastlosigkeit als eine Form der Trägheit
Von Claudia Mair
 
Kürzlich las ich einen Artikel zum Thema Klimawechsel, in dem behauptet wurde, dass das Hauptproblem dabei in der mangelnden Flexibilität des Menschen liegt. Ähnliches könnte man in Bezug auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes feststellen. Erfindergeist und Globalisierung haben dazu geführt, dass die Arbeit zunehmend zur Mangelware geworden ist und obwohl dies eine Tatsache ist, die sich nicht mehr leugnen lässt, hängen die meisten immer noch dem Traum von der Vollbeschäftigung nach. Um diesen Traum zu erfüllen, propagieren die Neoliberalen die Einführung eines Lumpenproletariats durch Niedriglöhne und die Politiker subventionieren Jobs in Wirtschaftsbereichen, die sich im Grunde bereits überlebt haben.

Die Autoren Braig und Renz zeigen in ihrem Buch "Die Kunst, weniger zu arbeiten", dass sich solche wirklichkeitsfremden und teilweise sozialpolitisch äußerst gefährlichen Lösungsansätze dem Festhalten an der herrschenden Arbeitsideologie unserer Zeit verdanken. Das so genannte Recht auf Arbeit ist an eine tief im Bewusstsein verankerte Arbeitspflicht gekoppelt. Effizienz, Nützlichkeit und Perfektionszwang, die mit unserer modernen Arbeitsideologie einhergehen, sind die herrschenden Götter, denen man sich selbst in der Freizeit unterwirft. Da wird z.B. verbissen Sport getrieben - sofern man dazu noch Zeit findet, denn das Privatleben bleibt nicht selten auf der Strecke.

Die Arbeit ist heute Dreh- und Angelpunkt im Leben des Menschen, doch das war nicht immer so. In der Antike und im Mittelalter galt Arbeit als ein notwendiges Übel, das man, wenn möglich, auf Sklaven abwälzte oder eben als gottgegeben hinnahm. Das Arbeiten passte sich dem Rhythmus der Natur an und erledigt wurde, was gerade anfiel.
Wer seinen Max Weber kennt, weiß, wie es zur großen Wende kam: zuerst Luther mit der Einführung des Berufungs-Begriffs und schließlich die Puritaner, für die Reichtum und Wohlstand zum Zeichen des Erwähltseins wurden. Folglich arbeitete man nun mehr als für die eigenen Bedürfnisse notwendig. Die Investition des erwirtschafteten Überflusses wurde ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Hinzu kam während der Zeit der Industrialisierung die Disziplinierung der Arbeiter durch Stechuhr und künstliches Licht, die in unserer Zeit noch ergänzt wird durch die Disziplinierung der Seele durch Corporate Identity.

Heutzutage, wo Flexibilität als Selbstverständlichkeit erachtet wird und engere Bindungen im Privaten immer unmöglicher macht, wird so nicht selten das Unternehmen zur Familie, zum sinngebenden Fixpunkt in einer unverbindlichen Welt. Bedauerlicherweise steht dieser Fixpunkt jedoch auf wackligen Beinchen, denn es gibt kaum noch Arbeitsplätze, die man als sicher bezeichnen könnte.
Trotz der großen Bedeutung, die die Arbeit für den Menschen unserer Zeit besitzt, kennt wohl nahezu jeder den Wunsch, auszusteigen. Die immer größer werdenden Anforderungen in der vom harten Wettbewerb beherrschten Arbeitswelt führen nämlich zu vermehrtem Stress und mindern die Lebensqualität.

Doch stellt Braigs und Renz' Gegenentwurf, also "Die Kunst, weniger zu arbeiten", eine wirkliche Alternative dar? Die beiden Autoren, ein ehemaliger Manager und ein ehemals praktizierender Arzt, schildern ihre eigenen Erfahrungen als Aussteiger. Sie erzählen, wie sich ihre Welt immer mehr reduzierte auf ihre Arbeit, und wie ihre Entscheidung, sich der Arbeitswut zu entziehen, ihre Lebensqualität erhöhte. Freilich mussten sie erst lernen, mit dem Verlust ihres bisherigen Lebensinhalts zurechtzukommen. Doch dann war da plötzlich wieder Zeit für die Kinder, gute Bücher, Spaziergänge, Muße ...

Das hört sich fast an wie im Märchen - ein Märchen für betuchte Zeitgenossen, wie finanziell weniger gut ausgestattete MitbürgerInnen einwenden werden. Schließlich muss man finanziellen Verpflichtungen nachkommen wie Miete, Versicherungen aller Art etc. pp. - wir kennen das alle. Mit diesem materiellen Argument werden dann auch Kompromisslösungen wie Teilzeitarbeit und Sabbatjahr totgeschlagen.

Natürlich - und das geben auch die Autoren Braig und Renz zu - werden z.B. Reinigungs- und Kassenkräfte, die mit ihrem Lohn gerade so über die Runden kommen und kaum Einsparungspotential besitzen, kaum in der Lage sein, ein Jahr auszusetzen oder ihre Arbeitszeit zu verringern. Für viele andere könnte jedoch der Traum vom weniger Arbeiten durchaus wahr werden - sofern sie in der Lage sind, ihre materiellen Ansprüche zurückzuschrauben, sich von ein paar überflüssigen Dingen zu trennen und, statt für Dienstleistungen zu bezahlen, bestimmte Dinge wieder selbst erledigen.
Tja, und dann muss da natürlich noch der Arbeitgeber mitspielen. Leider haben sich die Studien, die aufzeigen, dass die Produktivität von Teilzeitkräften höher ist als die der Vollzeitkräfte, noch nicht unter den Arbeitgebern herumgesprochen.

Alles in allem also nicht ganz so einfach umsetzbar. Und doch kann man sich dem Reiz dieser Utopie nur schwer entziehen, einer Utopie, die bevölkert ist von MüßiggängerInnen, SpaziergängerInnen, DilettantInnen und AmateurInnen, die sich ihren Mitmenschen und Tätigkeiten mit Liebe und Interesse zuwenden, und sich gelegentlich erlauben, verträumte Blicke und Gedanken ganz zweckfrei in die Ferne schweifen zu lassen. Das soll übrigens auch gegen die grassierende Kurzsichtigkeit helfen und könnte eine andere Art von Klimawechsel bedeuten ...
 

Details
Axel Braig, Ulrich Renz: Die Kunst, weniger zu arbeiten.
Fischer Tb, Januar 2003.
ISBN 3-596-15651-3.
EUR 7,90.
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Autorin
Claudia Mair lebt in Berlin und tummelt sich seit mehreren Jahren im Bereich des Buchhandels und des Verlagswesens.
Neben dem Schreiben von Artikeln und Rezensionen widmet sie sich dem Lektorieren von Literatur und Sachtexten.
Kontakt: ClaudiaMair@web.de