März 2005 > weniger arbeiten > Buchtipps
 
Lob der Faulheit
Von Katja Schwarz
 
Die moderne Arbeitsideologie beherrscht unser Leben. Doch es gibt Alternativen. Passend zur Rezension des Buches "Die Kunst, weniger zu arbeiten" präsentieren wir hier ein paar Buchtipps zur Vertiefung.

Fürs Büro: Weniger arbeiten, ohne aufzufallen

Sich selbst verwirklichen? Ja. Im Büro? Nein. Die Französin Corinne Maier zeigt in ihrem Buch "Bonjour Paresse" ("Die Entdeckung der Faulheit"), wie man sich, statt dem Unternehmen zu dienen, seines Unternehmens bedient, um Geld zu verdienen - mehr nicht.
Sie selbst ist das beste Beispiel: Als Teilzeitkraft beim französischen Energiekonzern EDF beschäftigt, schreibt sie nicht nebenher, sondern hauptsächlich Bücher und praktiziert als Psychoanalytikerin.

Die Devise: Nicht Identifikation, sondern "aktive Distanzierung", soll heißen innere Kündigung. Ein Zustand, den viele Angestellte ohnehin schon erreicht haben - ohne jedoch dessen positive Seiten zu sehen. Die in der Freiheit bestehen, sich den Dingen zu widmen, die einen wirklich interessieren.
Wie man es anstellt, mit geringstmöglichem Einsatz und ohne Risiko durch den Büroalltag zu kommen, schildert Maier in ihrem kleinen Ratgeber, der in Frankreich wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten rangierte.

Für den ganzen Tag: Vom Aufwachen und Liegenbleiben über das Mittagsschläfchen und Flanieren bis in den Pub

Eine "Anleitung zum Müßiggang" gibt auch Tom Hodgkinson. Der Chronologie eines Tages folgend, dessen Stunden jeweils ganz besondere Herausforderungen an den Faulenzer stellen, ruft der Chefredakteur der Zeitschrift "The Idler" zum Müßiggang auf.

Laut Verlag ist das Buch Ratgeber und "liebevoll recherchierte Kulturgeschichte" zugleich, in welcher der Autor praktische Tipps mit diversen Zitaten und Anekdoten aus der Geistesgeschichte vereint. Dabei ist Hodgkinsons Anliegen durchaus auch politisch zu verstehen, spart er doch nicht mit gesellschaftskritischen Anmerkungen und einem Plädoyer für entspanntere Arbeit.

Für jeden Einzelnen: Entschleunigung statt Hamsterrad

Für mehr Muße statt Stress plädiert Wolfgang Schneider in seiner "Enzyklopädie der Faulheit", einer umfangreichen Sammlung von literarischen und philosophischen Texten, Sprichwörtern, Fakten, Kuriositäten und wissenschaftlichen Fakten zum Thema.

Der 2003 tödlich verunglückte Autor beleuchtet dabei insbesondere die - in Vergessenheit geratene - Haltung, der es zum Faulsein bedarf, denn mit der Verbreitung des protestantischen Arbeitsethos wurde die Faulheit vom Privileg zur Sünde, und seitdem rotieren die Menschen im Hamsterrad von Gelderwerb und Freizeitstress.
In einer Gesellschaft, die die Arbeit zum Heiligtum erhoben hat, wünscht Schneider, dass jeder Einzelne sich ganz existenziell auf sein eigenes Leben besinnt, um angesichts zunehmender Hektik auch dem süßen Nichtstun zu frönen.

Für Romantiker: Fernweh und Happyend

Eichendorffs Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" beschreibt in märchenhaftem Ton die Abenteuer eines jungen Müllersohns, der aufbricht, um in der Welt sein Glück zu machen. Er streicht ziellos umher und lässt sich von Zufällen und Abenteuern leiten, die ihn zuerst auf ein Schloss in der Nähe Wiens führen, wo er sich verliebt, dann aber aus dem Gefühl unerwiderter Liebe heraus weiterzieht. Er gelangt nach Italien und verwickelt sich in eine Reihe von Liebeleien, bis er aus Sehnsucht nach der Heimat und nach der Geliebten Rom wieder verlässt. Zurückgekehrt entwirrt sich die undurchsichtige "Konfusion der Herzen", man heiratet und "und es war alles, alles gut!"

Spätromantisches Lebensgefühl, blühende Gärten, glückliche Fügungen und am Ende die große Liebe - genau das Richtige für einen nasskalten und faulen Winternachmittag.

Nicht nur für Thirtysomethings: Trägheit und früher Kapitalismus

Gontscharow beschreibt in "Oblomow" den Typ des begabten, gebildeten und idealistischen russischen Adligen, der als Angehöriger einer überlebten Gesellschaftsklasse aber zur Wirkungslosigkeit verurteilt ist.
Der ungefähr dreißigjährige Gutsbesitzer Oblomow lebt ohne jede Beschäftigung in der russischen Hauptstadt und verbringt seinen Tag mit Gedankenspielereien und Plänen, ohne sich jemals zu deren Verwirklichung aufraffen zu können. Kurzzeitig scheint ihm die Liebe Kraft zu neuer Aktivität zu geben, doch heiratet die tatkräftige Olga einen energischen Geschäftsmann, als sie erkennt, dass sie Oblomov letztlich nicht aus seiner Tatenlosigkeit herauszureißen vermag. Dieser entscheidet sich für eine bequeme Ehe "ohne süße oder bittere Tränen" mit einer ihm ergebenen Frau.

Ein russisches Gesellschaftsportrait jener Zeit, als die überkommene Feudalordnung der bürgerlichen Wirtschaftsform Platz zu machen beginnt.

Die Folgen kennen wir ja.
 

Die Entdeckung der Faulheit
Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun.
Von Corinne Maier.
Goldmann Verlag 2005.
ISBN 3-442-30113-0.
EUR 12,00.
Direkt bei libri.de bestellen

Ausführliche Besprechung und Portrait der Autorin in der Süddeutschen Zeitung vom 5./6. Februar: "So demütigen Sie Ihren Arbeitgeber".

Anleitung zum Müßiggang
Von Tom Hodgkinson.
Rogner & Bernhard Verlag 2004. ISBN 3-8077-0088-9.
EUR 15,90.
Nur über Zweitausendeins.
Die Enzyklopädie der Faulheit
Ein Anleitungsbuch.
Von Wolfgang Schneider.
Eichborn Berlin Verlag 2003.
ISBN 3-8218-0720-2.
EUR 24,90.
Direkt bei libri.de bestellen

Ausführliche Besprechung im DeutschlandRadio Buchtipp vom 01.02.2004.

Aus dem Leben eines Taugenichts
Von Joseph von Eichendorff.
Reclam Verlag.
ISBN 3-15-002354-8.
EUR 2,60.
Direkt bei libri.de bestellen
Oblomow
Von Iwan A. Gontscharow.
DTV Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN 3-423-12495-4.
EUR 14,00.
Direkt bei libri.de bestellen
Autorin
Katja Schwarz
Kontakt: katja.schwarz@ mediella.de