März 2005 > mehr wissen > Barrierefreies Webdesign
 
Buchrezension: "Barrierefreies Webdesign"
Von Florence Maurice
 
Die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) ist im Sommer 2002 in Kraft getreten und regelt, in welcher Art und Weise Webauftritte der öffentlichen Hand für Menschen mit Behinderungen zugänglich sein müssen. Bis Ende 2005 müssen nun auch alle bereits bestehenden Angebote der Behörden der Bundesverwaltung barrierefrei gestaltet sein.
Aber auch für andere Website-Betreiber ist die Realisierung von barrierefreien Websites interessant, denn nur eine Website ohne Hürden erreicht das größtmögliche Zielpublikum.

Die Verordnung beinhaltet verschiedene Anforderungen, die ein Webauftritt erfüllen muss, um barrierefrei zu sein. Dabei wird jedoch nicht ausgeführt, wie das im Detail technisch zu realisieren ist. Dazu gibt es natürlich inzwischen viele Online-Quellen - und seit Ende letzten Jahres das Buch "Barrierefreies Webdesign" von Jan Eric Hellbusch, das im dpunkt-Verlag erschienen ist. Das knapp 400 Seiten umfassende Werk, an dem noch viele weitere Autoren beteiligt waren, richtet sich an "Webgestalter, Entwickler und Informatiker, aber auch an IT-Verantwortliche und Redakteure" und versteht sich als Referenzwerk und Handbuch.

Das erste Kapitel bietet eine Einführung in das Thema Barrierefreiheit, d.h. was Barrierefreiheit am Computer bedeutet und welche Hilfsmittel von Menschen mit Behinderungen bei der Bedienung von Computern eingesetzt werden. Außerdem würdigt es die Bedeutung der Informationstechnologie gerade für Menschen mit Behinderungen. Das letzte Unterkapitel stellt die verschiedenen gesetzlichen Grundlagen und Initiativen vor.

Kapitel 2 "XHTML, CSS und JavaScript" ist mit rund 150 Seiten das umfangreichste Kapitel des Buchs. Hier geht es darum, wie man die Webtechniken im Sinne von Barrierefreiheit einsetzt. Ausführlich werden Themen behandelt wie Texthinterlegung, Farben, Skalierbarkeit, Geräteunabhängigkeit, etc.; aber beispielsweise auch Nicht-Technisches wie die Verständlichkeit der präsentierten Inhalte. Dazu gehört neben einer klaren Navigation und verständlichen Texten z.B. auch eine korrekte Rechtschreibung. Der Mensch ist zwar meist ganz gut darin, fehlerhaft geschriebene Texte richtig zu interpretieren, Screenreader - d.h. Hilfsmittel, die Sehbehinderte oder Blinde einsetzen - können damit aber Probleme haben. Außerdem wird erläutert, wie sich zusätzlich Informationen in Gebärdensprache integrieren lassen.
Die einzelnen Punkte werden detailliert erörtert und neben allgemeinen Fragen werden auch speziellere Fälle besprochen. So ist zwar weitgehend bekannt, dass auf Webseiten eingesetzte Bilder mit Alternativtexten versehen werden sollten. Aber was macht man mit Grafiken, die per CSS zugewiesen werden, da diese keine Alternativtexte enthalten können? Hier kann die relevante Informationen über title-Attribute ausgegeben werden.

Das dritte Kapitel ist weiteren Formaten im Web gewidmet. Es behandelt SMIL (ein XML-basiertes, vom W3-Konsortium entwickeltes Format zur Beschreibung von Multimedia-Daten), Macromedia Flash und PDF-Dokumente. Die Firmen, die für diese Formate zuständig sind - Macromedia und Adobe - haben in letzter Zeit Anstrengungen unternommen, um größere Barrierefreiheit zu ermöglichen. Trotzdem lässt die Barrierefreiheit dieser Formate noch zu wünschen übrig. Die Autoren erläutern detailliert, was beim Einsatz von Flash oder PDF beachtet werden muss, um die Inhalte so zugänglich wie möglich bereit zu stellen.

In Kapitel 4 werden andere grafische Programmoberflächen behandelt, denn Barrierefreiheit endet nicht bei Webseiten. So geht es u.a. darum, wie man mit Java oder Macromedia Director barrierefreie grafische Oberflächen realisiert.

Das letzte Kapitel trägt den Titel "Praxis". Zuerst werden die Vorteile von Barrierefreiheit für Anbieter vorgestellt: "Barrierefreiheit ist Zielgruppenmaximierung". Barrierefreiheit nützt eben, neben der nicht zu vernachlässigenden Anzahl von Behinderten, auch den immer wichtig werdenden "silver surfers" und außerdem den Surfern, die "situativ bedingt behindert" sind. Situativ behindert kann beispielsweise jemand sein, der im Büro keine Lautsprecher am Computer hat und so mit Informationen, die nur per Audio geboten werden, nichts anfangen kann.
Ebenfalls aufgeführt werden die verschiedenen Testmöglichkeiten für Barrierefreiheit, einerseits die verschiedenen automatischen Tests und andererseits die Nutzertests durch Betroffene.
Im letzten Unterkapitel des Praxisteils wird beispielhaft gezeigt, wie sich eine Umstellung auf Barrierefreiheit praktisch gestalten kann - von der Überzeugungsarbeit, die am Anfang zu leisten ist, über die Analyse und bis zur Realisierung.

Dem Buch liegt eine CD bei mit weiteren nützlichen Informationen, den Beispielen aus dem Buch, weiteren Tutorials und Software. Beispielsweise kann man sich auf einem Video ansehen, wie Vergrößerungssysteme arbeiten, wie die Mausbedienung per Mund funktioniert oder wie ein Computer per Spracheingabe gesteuert wird.
Warum eine CD? Hätte hier nicht vielleicht eine Internetseite mit entsprechenden Links genügt, mag sich die eine oder der andere fragen. Das würde allerdings einen schnellen Internetzugang voraussetzen und wäre damit eine Barriere für Leute, die eben keinen solchen haben. In diesem Punkt folgen die Macher des Buches also gerade ihren eigenen Forderungen nach Barrierefreiheit.

Insgesamt ein sehr umfassendes Handbuch zu einem wichtigen Thema, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man sich mit den aktuellen Entwicklungen der Website-Gestaltung beschäftigt.
 

Quellen und Links
Jan Eric Hellbusch: Barrierefreies Webdesign. Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen.
dpunkt.verlag 2005.
ISBN 3-89864-260-7.
EUR 44,00
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Einführung in das Thema "Barrierefreies Webdesign", mediella 08.03

"Auf Barrierefreiheit prüfen", mediella 03.04

"Browser-Add-ons für die Webentwicklung", mediella 02.04

Autorin
Florence Maurice
Kontakt: florence.maurice @mediella.de