März 2004 > mehr können > Webdesign
 
Der gedruckte Flyer im Internet? - Ein Versuch.
Von Waltraud Hofbauer
 
"Stellen Sie doch einfach den Flyer ins Netz!" Nicht wenige Kunden treten mit diesem Wunsch an den Grafiker oder die Webdesignerin heran. Natürlich muss unter harten Wettbewerbsbedingungen gespart werden, und der Kunde hat bereits Geld in Entwurf, Satz und Druck des Flyers investiert. Doch ist es wirklich so einfach, einen gedruckten Flyer unverändert als HTML-Version ins Internet zu übernehmen?

Entwurf
Angenommen, ein Flyer im Format DIN lang (100x210 mm) enthält das Firmenlogo, farbige Grafiken und Bilder und ist gesetzt in der Druckschrift Futura. Er ist mehrseitig mit Zickzack- oder Wickelfalz. Das Logo ist, sofern nicht zu kleinteilig, problemlos als Gif- oder Jpg-Bild auf die Website zu übernehmen. Firmenspezifische Farben, wie z.B. Schmuckfarben in Pantone, HKS oder auch im CMYK-Modus, müssen zwar in RGB-Farben umgewandelt werden, doch bereitet dies keine Schwierigkeiten, da das Farbspektrum in RGB größer als das des CMYK-Farbraums ist. Alle Grafiken/Bilder für Offsetdruck sind in 300 dpi (Bildauflösung) gespeichert und problemlos auf 72 dpi (Bildschirmauflösung) herunterzurechnen.

Wie sieht es in puncto Format und Schrift aus? Das Format bereitet die augenfälligste Schwierigkeit. Der DIN-lang-Flyer weist eine Proportion von 1:2 auf, der Monitor jedoch das Seitenverhältnis 4:3. Hier ist die Gestalterin gefordert: Sie muss ein dem Bildschirmformat angepasstes Layout entwickeln und Textblöcke, Bilder und Logo entsprechend neu platzieren.

Auch lassen sich auf dem Papier verwendete Druckschriften nicht ohne weiteres auf die Website übertragen. Headlines oder Navigationsbuttons können zwar mit einer Druckschrift als Gif-Bilder aufbereitet werden, jedoch nur, wenn diese in einer 72-dpi-Auflösung noch gut lesbar ist. Die Schriftauswahl für den Fließtext wird durch die im Internet gegebenen technischen Voraussetzungen stark eingeschränkt. Zumeist wird auf standardmäßig installierte Systemschriften (Arial, Helvetica, Verdana, Times) zurückgegriffen.

Bereits an diesem Punkt ist klar, dass eine 1-zu-1-Übernahme nicht ohne weiteres möglich ist. Allein der Formatwechsel und der Einsatz einer neuen Schriftart erfordern diverse Anpassungsschritte. Bei aufwändig gestalteten Flyern (viele grafische Elemente, große Hintergrundbilder) ist darüber hinaus auf eine Begrenzung der Ladezeiten zu achten.

Inhalte und Funktion
Der gedruckte Flyer weist eine feste lineare Abfolge auf - Titel-, Innen- und Rückseite. Es ist z.B. unproblematisch, Adressangaben im Titel wegzulassen, da durch einfaches Wenden des Flyers die entsprechenden Informationen auf der Rückseite zugänglich sind. Diese "Handhabung" bietet eine Website nicht, und die Designerin tut gut daran, die Adresse so zu platzieren, dass sie schnell gefunden werden kann.

Die Seiten eines Printobjekts liegen entweder als Doppelseiten oder, im Falle eines Leporello-Falzes, als komplette Vorder- oder Rückseite vor den Augen des Lesers. Dieser kann sich durch schnelles Querlesen rasch einen Überblick verschaffen.

Anders die Seiten im Internet. Das Lesen auf dem Bildschirm ist anstrengender, die Schrift vieler Texte ist oft zu klein gewählt, die Texte weisen zu wenig Farbkontrast oder eine zu lange Zeilenbreite auf. Eine Bildschirmseite "verträgt" deshalb weniger Text als eine Printseite. Zur Wahrung des Überblicks müssen Texte entweder gekürzt oder in Einzelseiten aufgegliedert werden. Wichtig ist des weiteren eine übersichtliche Navigationsstruktur, die dem Besucher rasche Orientierung ermöglicht.

Der Zweck des Flyers muss bei der Umsetzung ebenfalls berücksichtigt werden. Diente er z.B. ursprünglich zur Auslage auf dem Messestand einer Firma und warb für ein Produkt? Dann ist zu erwägen, ob die Website nicht zusätzliche Informationen zum Unternehmen bieten sollte. Lag dem Flyer ein gesondertes Blatt für eine Kursanmeldung bei? Es böte sich an, die Lösung in einem in die Site integrierten Formular zu suchen. Bei der Verteilung eines Print-Flyers sind die Adressaten in der Regel bekannt, im Internet können auch Unbekannte auf die Site stoßen. Diese wollen schnell über den Zweck des Webauftritts und den Betreiber ins Bild gesetzt werden.

Eine Website ist kein statisches Medium. Damit sind weitere Aufgaben verbunden: Um möglichst viele Interessenten zu erreichen, sollte die Site von allen gängigen Browsern gelesen werden können. Sie sollte (in Maßen) mit anderen Seiten verlinkt und gut im Internet auffindbar sein. Gegebenenfalls kann auch eine Animation für Auflockerung sorgen. Und ein wichtiger Vorteil gegenüber Printobjekten: Einmal erstellt und eingerichtet lassen sich die Inhalte unaufwändiger und damit kostengünstiger anpassen und aktualisieren.

Das zu ziehende Fazit erscheint eindeutig: Es ist nicht möglich, ein Printobjekt direkt und ohne Anpassungen auf eine Website zu übernehmen. Im Internet wird anders gesucht, gelesen und agiert. Daher ist bei der Umsetzung eines Flyers zur Verwendung im Netz zusätzlicher Konzeptions-, Entwurfs- und Programmieraufwand unumgänglich. Dies schließt natürlich nicht aus, die Druckversion des Flyers als PDF-Datei zum Downloaden und Ausdrucken auf der Website anzubieten.
 

Literatur
Rudolf Paulus Gorbach: Typografie professionell.
Galileo Press 2001.
ISBN 3-89842-73-X.
EUR 49,90
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Frank Thissen: Kompendium Screen-Design.
Springer-Verlag 2003.
ISBN 3-540-43552-2.
EUR 44,95
Direkt bei libri.de bestellen

Samuel Marty, Richard Frick: Grundlagen der Bildschirmtypografie (Band 5).
Comedia die Mediengewerkschaft, Schweiz 2000.
ISBN 3-952093440
EUR 23,-
Grundlagen der Bildschirmtypografie

Links
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Allgemeine Tipps zum Webdesign

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
Referat Lehrerfortbildung
Thema Bildschirmtypografie

Nina Korolewski, Berlin 2001
Lesen im Web - Schreiben fürs Web
www.korolewski.de

Autorin
Waltraud Hofbauer, selbstständige typografische Gestalterin
Kontakt: wh@hofbauer-typo.de