Februar 2005 > mehr können > Atemdynamik
 
Authentisch auftreten: Mehr Erfolg mit der richtigen Atemdynamik
von Naomi Susan Isaacs
 
Die Atmung stellt sich bei der Geburt ein, ermöglicht uns den ersten Schrei und läuft ab dann völlig unbewusst weiter. Spontan passt sie sich unseren verschiedenen Aktivitäten und Stimmungen an: Wenn wir lachen oder weinen, wird sie heftig und stoßartig. Wenn wir erschrecken, stockt uns der Atem. Wenn wir Erleichterung erleben, gibt es einen tiefen, spontanen Seufzer, der alles wieder ins Lot bringt.

Atmung ist die Schnittstelle zwischen Körper und Psyche, zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten.
Unter all unseren Körperfunktionen ist die Atmung ein besonders faszinierendes Phänomen. Sie ist die einzige Körperfunktion, die auf der einen Seite völlig automatisch und unbewusst abläuft, auf die wir andererseits jederzeit den sofortigen, bewussten Zugriff haben.

Somit können wir körperliche und emotionale Zustände vorsätzlich beeinflussen: Vor einem Auftritt oder einer Prüfung hilft häufig bewusst langsames Atmen, um sich etwas zu beruhigen. Ein paar tiefe Atemzüge bringen einen neuen Energieschub, wenn wir uns müde oder abgespannt fühlen.

Der Atemzyklus und seine Dynamik zwischen Leistung und Entspannung.
Die fundamentale Funktion der Atmung ist der Austausch: Mit der frischen Luft atmen wir Sauerstoff ein und mit der verbrauchten Luft Kohlendioxyd aus. Und wie jeder Zyklus beinhaltet auch dieser zwei entgegengesetzte Pole: Leistung und Entspannung.

Aber ist nun die Einatmung oder die Ausatmung die Leistung? Bei vielen sportlichen Aktivitäten wird geraten, bei der Anstrengung, sprich Leistung, auszuatmen. Viele Sprechtrainer und Gesangslehrer empfehlen eine „gestützte“ Ausatmung. Manche Menschen müssen aber feststellen, dass sie sich dabei unwohl fühlen und die verlangte Leistung erst dann erbringen können, wenn sie entgegen der Empfehlung atmen.

Es können zwei Atemtypen unterschieden werden.
Dank den Forschungen von Dr. Erich Wilk wissen wir, dass es zwei entgegengesetzte Atemdynamiken gibt: Die so genannten Einatmer setzen die Leistung in das Einatmen und lassen die Luft bei der anschließenden Entspannung drucklos entweichen. Die Ausatmer hingegen definieren die Ausatmung als die Leistung, bei der Entspannung strömt Luft wieder in die Lunge hinein. Die Entscheidung des Körpers für den einen oder anderen Atemtyp ist im Stammhirn festgelegt und damit unveränderbar.

Die Kinderärztin Dr. Charlotte Hagena beschäftigt sich seit über 35 Jahren in ihrer praktischen Arbeit sehr intensiv mit diesen zwei Atemtypen. Sie hat einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Atemdynamik und verschiedenen Lebensfunktionen wie Kreislauf, Stoffwechsel, Motorik, Sinneswahrnehmung und Gehirnfunktion festgestellt.

Mit ihrem Sohn Christian Hagena konnte sie beobachten, dass sich viele Blockaden und Krankheiten darauf zurückführen lassen, dass ein Mensch unbewusst gegen seinen Atemtyp handelt. Ihre Atemübungen und die von Erich Wilk typenspezifisch ausgearbeiteten Gymnastikübungen setzt sie erfolgreich bei der Behandlung von Krankheiten wie Neurodermitis, Hörsturz, Übererregbarkeit oder Schlafstörungen ein.

Diese Atempolaritätslehre hat mich sehr fasziniert und ich begann sie in meine Arbeit als Gesangslehrerin, Coach und Trainerin einzubauen. Ich konnte dabei feststellen, dass die Atemdynamik nicht nur für die Gesundheit wichtig ist.

Atemdynamik ist gleichzeitig Lebensdynamik.
Die Dynamik, die sich an der Atmung beobachten lässt, ist ein fundamentaler Teil unserer Art zu sein. Die Atmung lässt uns unsere Lebensdynamik erkennen. Sie ist so etwas wie ein Barometer für unsere Art des Austausches, ein zentraler Schlüssel zu einem stimmigen Austausch mit unserer Umwelt, mit einzelnen Gesprächspartnern oder mit größerem Publikum.

Ein- und Ausatmer unterscheiden sich in ihrem „einladenden“ und „herausgebenden“ Energiepotential.
In meinen vielen Workshops mit Menschen, die vor Publikum auftreten, wie Sänger, Schauspieler und Manager, konnte ich durchwegs - und bisher ohne Ausnahme - feststellen, dass die Einatmer erst dann wirklich kraftvoll und authentisch wirken, wenn sie eine einladende Haltung gegenüber ihrem Publikum oder Gesprächspartner einnehmen. Sie müssen das Publikum zu sich auf die Bühne ziehen. Für die Kommunikation der Ausatmer dagegen ist ausschlaggebend, dass sie sich darum kümmern, dass ihre Botschaft beim Gegenüber ankommt. Sie müssen aktiv auf das Publikum zugehen.

Das Wissen um die eigene Atemdynamik ist sehr hilfreich.
Immer wieder erzählen Kursteilnehmer, wie sehr sie sich bemüht haben, die Inhalte der Präsentation gut rüberzubringen, dass aber der Kontakt mit dem Publikum stockte und nicht wirklich zustande kam. Oder sie berichten, dass sie bei Vorträgen kurzatmig sind und ihre Stimme versagt, obwohl sie darauf achten, vor jedem Satz gut Luft zu holen.

Das sind zwei typische Beispiele für Verhaltensweisen, die in sich nicht falsch sind, in jedem einzelnen Fall aber von den „falschen" Menschen ausgeübt werden. Beim ersten Beispiel kann man sich gut vorstellen, dass hier ein Einatmer versucht, alles zu geben anstatt das Publikum einzuladen.

Beim zweiten Beispiel handelt es sich meistens um Ausatmer, deren Energie „blockiert“, wenn sie aktiv einatmen. Ihnen geht es besser, wenn sie die Atmung völlig ignorieren. Die Aufmerksamkeit sollten sie auf das Publikum richten, wie es ihren Zuhörern geht und ob diese alles bekommen haben.

Im Bestreben nach einem authentischen Auftreten und einem stimmigen Austausch mit anderen Menschen kann das Wissen um die eigene Atemdynamik also durchaus von Bedeutung sein. Mit den Tipps in der Info-Box finden Sie einen ersten Einstieg.

 
Buchtipps
Dr. Charlotte Hagena und Christian Hagena:
Konstitution und Bipolarität. Erfahrungen mit einer neuen Typenlehre.
Karl F. Haug Fachbuchverlag 2002,
ISBN 3-830-40652-5
EUR 22,95
Direkt bei libri.de bestellen

Christian Hagena:
Grundlagen der Terlusollogie. Praktische Anwendungen eines bipolaren Konstitutionsmodells (mit CD-Rom).
Karl F. Haug Fachbuchverlag 2000,
ISBN 3-830-47062-2
EUR 29,95
Direkt bei libri.de bestellen

Renate Schulz-Schindler und Romeo Alavi Kia:
Sonne, Mond und Stimme (mit CD-Rom). Atemtypen in der Stimmentfaltung.
Aurum in J. Kamphausen Verlag 2003,
ISBN 3-89901-349-2
EUR 22,00
 
Linktipps

www.terlusollogie.de
Grobe Berechnung des eigenen Atemtyps (Christian Hagena)

Naomi Susan Isaacs: Gelassener in Stresssituationen mit einfachen Atemübungen.
mediella 02.2005

Charisma Coaching: Jeder Mensch hat Charisma. Naomi Susan Isaacs im Gespräch. mediella 11.2004

Autorin
Naomi Susan Isaacs

Charisma Coaching
Coach, Trainerin, Stimm-Pädagogin
Sängerin, Schauspielerin, Moderatorin

Telefon: 089.7 59 16 45

www.naomi-isaacs.com
naomi@naomi-isaacs.com