Februar 2003 > mehr wissen > Falsche Antikriegspetition
 
Ein Hoax ist ein Hoax ist ein Hoax
Von Florence Maurice
 

Natürlich bin ich gegen den Krieg wie viele andere Leute auch. Gerade in letzter Zeit fühlt man und frau sich unbehaglich und hilflos angesichts der kriegerischen Drohgebärden Amerikas und der Tatsache, dass die Gegenposition der rot-grünen Regierung nicht immer eindeutig ist. In dieser Stimmung trifft der Kettenbrief mit seiner Anti-Kriegspetition natürlich einen wunden Punkt. Endlich, denkt man, kann man etwas tun. Zeigen, dass man auch dagegen ist, sich mit seinem Namen verewigen und diese E-Mail an möglichst viele Leute weiterleiten.

In der momentan zirkulierenden Anti-Kriegspetition geht es um eine - angeblich von der UN initiierte - Unterschriftensammlung gegen einen möglichen Krieg. Wir beziehen das heute natürlich auf den Irak, den Ursprung hatte diese Anti-Kriegspetition aber vor über einem Jahr - und da ging es um den Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan. Die E-Mail funktioniert nach dem Kettenbrief-Prinzip. D.h. sie ist eventuell nur von einer einzigen Person initiiert, erreicht aber bei jedem neuen Adressaten, der die Mail an mehrere Leute weiterschickt, einen immer größeren Wirkungsbereich.

Sie kennen diese Kettenbriefe vielleicht auch aus Ihrer Schulzeit; da gab es die harmlose Variante: schicke eine Postkarte an die Adresse, die sich ganz oben befindet, gib den Brief an zehn Freundinnen weiter und du wirst ganz viele Postkarten aus aller Welt erhalten. In einer schon etwas materialistischeren - aber immer noch sehr kindgerechten Form - ging es um eine Tafel Schokolade, die man versenden sollte, und um viele hunderte Tafeln, die man zurückerhalten würde. Dann kamen auch die Geldkettenbriefe und spätestens in diesem Moment war es gut, wenn man einen schlaueren Menschen kannte, der einem das Prinzip und die Unmöglichkeit von Kettenbriefen oder auch das Pyramidensystem mit seiner exponentiellen Verbreitung erklärte.

Dieses Pyramidensystem passt eigentlich schon einmal schlecht zu einer seriösen Unterschriftensammlung: denn am Schluss gäbe es sehr viele Listen, in denen die Adressen der ersten Initiatoren immer aufgeführt wären, die Adressen der zuletzt Dazugekommenen hingegen weniger häufig. Eine Aussage, wie viele Leute jetzt wirklich unterschrieben hätten und nicht einfach nur mehrfach genannt worden wären, ließe sich ohne größeren Aufwand schon nicht mehr treffen.

Außerdem bestehen Unterschriftensammlungen normalerweise aus Unterschriften und nicht aus Vornamen-Nachnamen-Ort - Listen in elektronischer Form, die sich ja beliebig manipulieren lassen. Wer hindert mich daran, vor dem Weiterschicken meine Nachbarn im Haus, meine berühmten Freunde in Amerika oder meinen Hund in die Liste einzutragen? Oder wer wird es merken, wenn ich in der Namensammlung aus dem Namen Jack immer eine Jacqueline mache? Genauso einfach könnte ich aber natürlich auch den Text ändern und dann sind auf der Liste auf einmal Leute versammelt, die nun z.B. gegen die Tiertransporte quer durch Europa protestieren. Fazit: Solche Namenslisten lassen sich beliebig - mehr oder minder bösartig - fälschen und manipulieren.

Diese zwei Argumente gelten prinzipiell für alle angeblichen Petitionen, die in diesem Kettenbriefverfahren vervielfältigt werden und zeigen, dass Kettenbriefe nie ein seriöses Mittel für Protestäußerungen sein können; auch wenn sie einen tatsächlichen Missstand anprangern.

Was einen bei dem aktuellen Kettenbrief aber auch stutzig machen sollte, ist, dass - zumindest in einer der kursierenden Formen - die UN angeblich diese Unterschriftensammlungsaktion initiiert. Gerade das ist aber wohl nicht Aufgabe der UN, sie ist nicht auf Unterschriften angewiesen, sondern hat andere Wege, um Sachen zu beschließen oder Sanktionen zu erlassen.

Jetzt könnte man aber auch sagen, alles in allem ist das Ganze eine sinnlose, aber harmlose Angelegenheit. Nicht ganz, denn es wird Zeit verschwendet - was an sich auch noch nicht bedenklich ist, denn der Glaube, man könne alle Zeit produktiv ausnützen, ist sowieso eine Illusion. Aber es wird ja nicht einfach irgendeine Zeit verschwendet, sondern eigentlich eine besonders wertvolle Zeit, nämlich die Zeit, die die Leute bereit sind, sich zu engagieren. Und Engagement zählt. Außerdem motivieren sinnlose Aktionen nicht unbedingt dazu, sich erneut zu engagieren.

Bedenklich an Kettenbriefaktionen ist zudem, dass die Anzahl an unerwünschten Mails sowieso schon ständig steigt - zum einen ist es die Flut an wirklichen Spam-Mails (die auch Thema der nächsten Ausgabe von mediella sein werden), zum anderen ist es aber auch die Fülle an unnötigen Mails, die meist gar nicht in böser Absicht versendet werden. Diesem Trend sollten wir entgegenwirken.

Neben Petitionen gibt es Kettenbriefe auch noch als Gewinnspiele, mitleidheischende E-Mails und falsche Virenmeldungen. Sie können getrost alle E-Mails, in denen steht, man solle sie an möglichst viele Leute verteilen, löschen. Denn 99 % dieser E-Mails sind Hoaxes, also nicht ernst zu nehmende Fälschungen. Wollen Sie aber ganz sicher gehen, dann konsultieren Sie eine der seriösen Hoaxlisten wie die der TU Berlin, wo Sie neben einer Auflistung der wichtigsten Hoaxes auch die echten aktuellen Virenwarnungen finden.

Wirkliche Unterschriftensammlungen, wie sie beispielsweise von Amnesty International ausgehen, funktionieren nach einem anderen Prinzip. Hier kann es zwar sein, dass die Aufforderung, Unterschriften zu sammeln, per Mail ergeht. Aber als Attachment gibt es dann ein Dokument, das man ausdrucken kann und auf dem man dann Unterschriften (echte handgeschriebene!) sammelt. Das ganze wird danach per Post oder Fax an die Zieladresse gesendet. Also noch ganz der herkömmliche Weg - mühsamer, dafür aber auch effektiv und nicht so manipulierbar.

Links
Hoaxverzeichnis zum Durchsuchen
www.tu-berlin.de/www/
software/hoaxlist.shtml

Informationen zur angeblichen UN-Petition
www.tu-berlin.de/
www/software/hoax/
unicwash.shtml

Stellungsnahme der UN zu dieser Petition
www.unicwash.org

Hoaxes als ein Beispiel für moderne Legenden
urbanlegends

Geschichte der
(Papier-)Kettenbriefe

www.silcom.com/
~barnowl/chain-letter/evolution.html
#evolution

Häufig kursierende Hoaxes
Bonsai-Kitten
Reine Erfindung von angeblich in Gefäßen gezüchteten Katzen, für die sich sogar jemand die Mühe gemacht hat, eine Homepage zu gestalten.

Petition zur Lage der Frauen in Afghanistan
Sachlage stimmt leider, aber die E-Mail-Adresse, an die die "unterschriebenen" Mails zu schicken sind, ist längst gesperrt und die unglückliche Initiatorin bittet, dass man sich doch mit seiner Unterstützung an eine bekannte Hilfsorganisation wenden möge.

Knochenmarksspender gesucht
Eine Geschichte, die - vom medizinischen Standpunkt - nicht stimmig ist, da die Blutgruppe bei dieser Art von Knochenmarksspende keine Rolle spielt. Unglücklicherweise ist eine Frau, die die E-Mail nur weitergeleitet hatte, als Leidtragende angegeben; auch sie musste ihre Mail-Adresse sperren.

Autorin
Florence Maurice
Kontakt: florence.maurice
@mediella.de