Januar 2005 > mehr können > Spinnen und Kreativität
 
"Spinnen ist ein Muss für jedes Unternehmen"
Interview mit einer Querdenkerin.
von Regina Kogler
 
Anke Meyer-Grashorn ist Innovationsberaterin und Inhaberin von große freiheit GmbH, einem Münchner Beratungsunternehmen für Innovation und Kommunikation mit sieben Mitarbeitern. Zu ihrem Kundenkreis zählen Großunternehmen wie BMW, Siemens und Triumph.

mediella:
"Spinnen ist Pflicht" ist mehr als nur der Titel Ihres Buches. Sie bezeichnen sich selbst als Querdenkerin und haben das Thema Spinnen zu Ihrem Beruf gemacht. Meint spinnen nicht das gleiche wie kreativ sein?

Anke Meyer-Grashorn: Spinnen passt einfach besser. Außerdem ist das Wort Kreativität schon sehr abgenutzt. Ich habe es in meinem Buch daher bewusst vermieden.

In meiner Umfrage zum Buch habe ich festgestellt, dass der Begriff spinnen spontan polarisiert, bei näherer Betrachtung aber positiv besetzt ist. Die krankhaften Spinner, die Schaden anrichten, grenze ich dabei ganz klar aus.

Es gibt Situationen, in denen man sich nicht mehr auf Erfahrungswerte verlassen und auf Althergebrachtes zurückgreifen kann. Die Leute sitzen dann erstmal ratlos da. Sie müssen neu an die Sache rangehen, ohne sich um Regeln zu kümmern. Hier fällt dann auch das Wort spinnen sehr oft.

Kreativität ist ein Teil von spinnen. Der Begriff ist sehr durch die "Kreativen" in Werbung und Medien geprägt. Ich möchte aber gerade die ansprechen, die sich selbst vielleicht nicht als kreativ bezeichnen würden. Querdenker sind in allen Bereichen notwendig. Unabhängig von Branche und Position im Unternehmen, egal ob jemand im Handwerk, in der Industrie oder im Haushalt arbeitet. Das Prinzip ist immer das gleiche.

mediella: Für wen haben Sie das Buch "Spinnen ist Pflicht" geschrieben?

Anke Meyer-Grashorn: Mein Buch richtet sich an einen breiten Leserkreis: Manager, Mitarbeiter, Selbstständige und Privatmenschen. Spinnen ist für alle wichtig, die vor der Situation stehen "So kann es nicht mehr weitergehen. Lass Dir was einfallen."

mediella: Wer braucht Nachhilfe im Spinnen?

Anke Meyer-Grashorn: Alle Unternehmen, die merken, da hakt etwas, da ist Sand im Getriebe, Strukturen funktionieren nicht mehr.

Spinnen kann aber auch bei jedem Einzelnen notwendig werden, egal ob im Job oder im Privaten. Man kommt immer wieder an Grenzen, ist ständig Veränderungsprozessen ausgesetzt: Beim einen ist der Job weg, der andere zieht um, der dritte bekommt Nachwuchs. Es gibt ständig neue Situationen, in denen ich mir die Frage stellen muss: Was mache ich nun?

mediella: Sie selbst bieten mit Ihrer Firma große freiheit Nachhilfe im Spinnen an. Zu Ihren Kunden zählen in erster Linie Großunternehmen wie BMW, Siemens und Triumph. Können sich nur große Unternehmen so einen Luxus wie spinnen leisten?

Anke Meyer-Grashorn: Spinnen ist kein Luxus. Das ist die absolute Notwendigkeit. Es ist nicht so, dass man, wenn das Tagesgeschäft erledigt ist, sagt "So, jetzt spinne ich mal". Es ist eine grundlegende Änderung in der Denke. Spinnen ist ein Muss für jedes Unternehmen.

mediella:Aber spinnen braucht Zeit. Und Zeit kostet Geld.

Anke Meyer-Grashorn: Mit Sicherheit spielt auch das Geld eine Rolle. Großunternehmen und auch manche mittelständischen Unternehmen haben Budgets dafür vorgesehen. Sie wissen, dass sie eine bestimmte Innovationsquote pro Jahr erreichen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Im Mittelstand spielt der Chef selbst die entscheidende Rolle. Ist er innovativ, dann werden dafür auch Budgets aufgestellt, analog zu Themen wie Erschließung neuer Märkte oder Umbau einer Produktionsstraße.

Gerade die Krise ist oft der Auslöser dafür, dass erkannt wird "So geht es nicht mehr weiter". Der Druck ist da. Ob Veränderungen im Markt, interner Organisationsumbau oder Stellenkürzungen - wir brauchen neue Ideen.

mediella: Warum lässt sich ein Unternehmen von Ihnen beraten?

Anke Meyer-Grashorn: Einerseits bieten wir klassisches Innovationsmanagement an. Wir unterstützen Unternehmen, Innovationsprozesse in Gang zu bringen und die entsprechenden Strukturen aufzusetzen.

Meist kommen unsere Kunden mit einem konkreten Problem zu uns wie "Unsere Produktpalette stimmt nicht mehr," oder "Die interne Kommunikation funktioniert nicht. Wir haben wichtige Informationen, aber niemand interessiert sich dafür." Zuerst prüfen wir, ob die Aufgabenstellung wirklich das Problem darstellt. Vielleicht müssen wir in unserer Beratung ganz woanders ansetzen.

Unternehmen kommen aber auch zu uns, wenn sie Ideen brauchen. Wir führen dann spezielle Innovationsworkshops durch. Ein Thema mit Siemens war "Mobile Kommunikation im Haus": Welche Möglichkeiten gibt es in der Zukunft? Was wünschen sich Menschen?

mediella: Nicht jede hat das Glück in einer aufgeschlossenen Firma zu arbeiten. Sie geben in Ihrem Buch aber viele Anregungen, wie das eigene Spinn-Potential entdeckt und entwickelt werden kann.

Anke Meyer-Grashorn: In jedem von uns steckt ein Spinner. Mein Buch "Spinnen ist Pflicht" ist ein Mut-mach-Buch. Sie werden ein Unternehmen alleine nicht revolutionieren können. Es gibt aber viele Themen, zu denen Sie Verbündete und Mitspinner finden können. Sie müssen sich nur umschauen und einen Versuch starten.

mediella: Wir hoffen, viele mediella-Leserinnen lassen sich dazu inspirieren und entwickeln sich zu erfolgreichen Mitspinnerinnen. Herzlichen Dank, Frau Meyer-Grashorn, für das Gespräch.

Anke Meyer-Grashorn
Innovationsberaterin und Geschäftsführerin von große freiheit GmbH, Innovation und Kommunikation
Internet: www.freiheit.de
E-Mail: ameyer- grashorn@freiheit.de
Buchtipp

Anke Meyer-Grashorn: Spinnen ist Pflicht,
Moderne Verlagsges. Mvg 2004,
ISBN: 3-478-73420-7
EUR 22,90.
Internetsite zum Buch
Leseprobe
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In mediella 08.2004

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Autorin/Interview
Regina Kogler, Interview November 2004
Kontakt: regina.kogler @mediella.de