Januar 2004 > weniger arbeiten > Roman
 
Das Leben als Filmriss
Von Claudia Mair
 

Nicht immer ist, wo "Roman" draufsteht auch Roman drin. Das, was sich hier auf 159 Seiten ausbreitet, ist eher eine Erzählung, oder noch besser ein poetischer Bericht aus dem Terrarium der Moderne, in dessen Zentrum ein junger Mensch steht, der sich Puck nennt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es besteht keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Namensvetter aus dem Mittsommernachtstraum. Dazu fehlt es ihm an Leichtigkeit und Witz. Anstatt anderen Ärger zu bereiten, hat sich dieser Puck die vermaledeiten Liebestropfen sozusagen selbst eingeflößt durch übermäßigen Filmkonsum und leidet nun unter unerwiderter Liebe zu einem Mädchen namens Gwen. Wenn er also auch kein Shakespearescher Puck ist, so doch eine Art Goethescher Werther im Zustand postmoderner Zerzaustheit. Und so hält Puck zu Anfang auch kurze Zwiesprache mit Johann Wolfgang in der U-Bahn. Aber wie so vieles andere kommt ihm während der Erzählung auch der Dichter abhanden.

Puck ist eine verkrachte Studentenexistenz, ein labiler junger Mann, der in seiner Weltwahrnehmung zwischen poetisch scharfer Wachheit und mediengeprägten Verzerrungen schwankt und in seiner Unbeholfenheit so liebenswert wirkt, dass man ihm am liebsten aufmunternd durch die Wuschelfrisur fahren möchte.
Nichts wirklich Außergewöhnliches, das ihn aus dem modernen Normleben hinauskatapultieren würde, wird hier erzählt, sondern ganz alltägliche Szenen, die ihren Reiz nur durch die Sichtweise Pucks erhalten, eine Sichtweise, die so unschuldig und gleichzeitig so verseucht ist, wie man sie wohl nur bei jungen Menschen unserer Zeit findet. Und so sind die szenischen Wahrnehmungsbilder auch unterlegt mit der Musik der Jugend, dem Rhythmus, in dem das Blut in den hoffnungsvollen jungen Schädeln pocht.

Dieses Buch ist ein junges Buch für junge Leser und solche, die sich einen jungen Blick erhalten haben oder doch zumindest die Erinnerung an diese Intensität des Sehens und Empfindens, die leider immer nur allzu schnell im Laufe der Zeit einstaubt und dem Vergessen anheim fällt. In "Rocktage" besitzt die Welt die poppigen Farben und Töne einer jungen Poesie, die sich von existentiellen Fragen noch nicht gänzlich abgewandt hat.

Puck schlurft durch die Kulissen einer zigmal durchgekauten Welt und in seinem Leben wimmelt es von Déja-vu-Erlebnissen und Filmdialogen. Doch auch die Banalität und Abgegriffenheit des postmodernen Lebens können die erschütternde Gebrochenheit der menschlichen Existenz nicht völlig vergessen machen. Darüber helfen auch die zahlreichen "Continuity-Fehler" nicht hinweg, die diesen jungen Verdichter des Wahrgenommenen als einen ganz normalen Bewusstseinsverbrecher outen, der nicht selten im Grübeln die Verbindung zur Welt um sich herum verliert und in seiner Erinnerung schwarze Löcher entdecken muss. Ja, eine gewisse Verlorenheit zeichnet diesen modernen Romantiker aus, der nicht von einer Liebe lassen kann, die letztendlich nur ein von ihm selbst erfundener Plot ist, ein Flop. Thematisiert wird hier auch der alte Konflikt von Innenwelt und Außenwelt, von Ideal und Realität, der ein Kennzeichen der Jugend ist, eine Art geistige Pubertät, die durchlitten werden muss.

Es ist besonders die Sprache, die dieses Buch zu einem jungen Buch macht. Der Text ist eine Art "Poesie-Comic", der seine Bilder mit Worten zeichnet und dabei einen ganz eigenen unprätentiösen und erfrischenden Ton anschlägt.

Dana Bönisch ist eine Entdeckung, von der man sich noch einiges erhoffen kann. Ihre Erzählung "Rocktage" beweist, dass der sogenannten Pop-Literatur etwas mehr Tiefgang ausgesprochen gut bekommt.
 

Titelinfo
Dana Bönisch: Rocktage.
Kiepenheuer u. Witsch Verlag 2003. ISBN 3-462-03326-3. EUR 6,90

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Autorin
Claudia Mair gönnte sich nach einer ungeliebten Ausbildung den Zweiten Bildungsweg und danach ihr Traumstudium (Literatur), das sie nach Bayreuth, Berlin und Lyon führte. Momentan testet sie München auf seine Eignung als Wohnsitz und versucht, in die Geheimnisse des Verlagswesens einzudringen.
Neben dem Schreiben widmet sie sich ihrer zweiten Leidenschaft, dem T'ai Chi Ch'uan.

Kontakt: ClaudiaMair@web.de