Januar 2003 > weniger arbeiten > Roman
 
Buchbesprechung: Die Endlichkeit des Lichts
Von Claudia Mair
 
In diesem Buch verflechten sich Menschen, ihre Geschichten und ihre Poesie wie ein gewaltiges, in allen Farben schimmerndes Myzel, das den Boden eines labyrinthartigen Urwaldes durchzieht, in dem sich der Mensch auf seiner Sinnsuche verläuft und verliert. - Ein Bild, das dem Romanhelden Alakar Macody entgegenkommen dürfte. Der einbeinige Macody ist nämlich nicht nur Pilzkenner, sondern auch ein dichtender Eremit und ein Fan der Quizsendung Brainonia, in die er als Kandidat eingeladen wird.

Die Moderatorin von Brainonia, Verna, steht zwar mit beiden Beinen im prallen Medienleben, kann aber nicht wirklich in der Gegenwart Fuß fassen, verfolgt von Vergangenheiten, die sie im Rahmen einer Psychotherapie aufzuarbeiten versucht.
Die beiden finden zueinander über das Wort, ihrer beider Hang zum Wahnsinn, über das Dichten, wenn z.B. Alakar Verna ein Gedicht in die Hand schreibt. Sie finden zueinander über die Kunst, das Künstliche - symbolisch hierfür Vernas Tasten nach Alakars künstlichem Bein.

Man kann diesen Roman natürlich auch als eine Satire auf die Aberwitzigkeit der Medienwelt und den von der Psychologie gejagten modernen Menschen sehen. Sehr amüsant ist beispielsweise die Szene, in der eine Gruppe angetrunkener Leute, darunter auch Alakar und Verna, formvollendet aneinander vorbeiredet.

Doch es ist nicht die ironische Seite, die den größten Reiz dieses Romans ausmacht, für einen Ausschnitt dessen Susanne Riedel verdientermaßen den Preis der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs erhalten hat. Strukturelemente wie das Doppelgänger- und Spaltungsmotiv und das schizophrene Schillern der Metaphern dieser Romanpoesie besitzen ihren ganz eigenen Zauber.

So faszinierend feingeflochten ein Myzel sein kann, so gefährlich kann es in seinen Ausmaßen werden, gefährlich wie der riesige Hallimasch, dieser Geisterpilz, der das Erdreich unterwandert, damit das Leben in weitem Umkreis erstickt und sein Reich ausweitet, bis es am Ende vielleicht gar mit der Weite des Ozeans konkurriert, von welchem der "Knoten" spricht, dessen Ansicht Alakar folgendermaßen wiedergibt: "Mystiker und Schizophrene schweben im selben Ozean. Nur dass die einen schwimmen und die anderen ertrinken."

Der Roman und seine Personen schwimmen in diesem schizophrenen Ozean und verlieren sich in seinen Tiefen. Doch dieses Ertrinken in Schizophrenie erscheint einem plötzlich wie eine Befreiung, wie eine Entgrenzung, ein Verfließen zwischen Mystik und Wahnsinn, zwischen Rettung und profanem Verhängnis, das zur Poesie wird ...

[Anmerkung der Redaktion: ein Myzel ist die Gesamtheit der Pilzfäden eines höheren Pilzes]

Titel-Info
Susanne Riedel:
Die Endlichkeit des Lichts
Berlin Verlag 2001, EUR 19,90
Autorin
Claudia Mair gönnte sich nach einer ungeliebten Ausbildung den Zweiten Bildungsweg und danach ihr Traumstudium (Literatur), das sie nach Bayreuth, Berlin und Lyon geführt hat.
In Berlin hängen geblieben versucht sie gerade, ihr Studium im nervlichen Schonverfahren abzuschließen und widmet sich neben dem Schreiben ihrer zweiten Leidenschaft, dem T'ai Chi Ch'uan.
Kontakt: ClaudiaMair@web.de